Singapur 2010

Nach einer erholsamen Nacht …

… (ausschlafen bis 9.00 Uhr war angesagt, da auch Vicky und Emily den Samstag zum Ausschlafen nutzen!) ging es mit neuen Kräften in den neuen Tag. Emily und Vicky wollten mir als erstem Programmpunkt unbedingt ihre Pfarrkirche zeigen. Und es hat sich wirklich gelohnt: „St. Mary of the Angels“ ist eine supermoderne Pfarrkirche (übrigens auch im Internet zu finden), die viele Architektur- und Design-Preise gewonnen hat. Ich bin tief beeindruckt. Dies hätte ich nicht erwartet. Ich bin gespannt auf den nächsten Morgen, wenn wir zum Gottesdienst in diese Kirche gehen.

Familie hat für Vicky und Emily einen besonderen Wert. Zunächst war mir nicht klar, was sie damit meinten. Im Laufe des Abends wurde es mir aber sehr klar: Um 16.30 Uhr ging es zu einem Bruder von Emily. Die gesamte Großfamilie (mehre Geschwister mit ihren Kindern sowie die Großeltern) treffen sich zum Bibel-Teilen. „Wir sind zusätzlich eine Familien – SCC“ – erklärte mir Vicky stolz. Ein Kleine Christliche Gemeinschaft – bestehend aus einer Großfamilie! Seit etwa 20 Jahren haben sie mindestens einmal monatlich diese Treffen! Und: es ist ein ökumenisches Treffen. Die Hälfte der Großfamilie – alles Tamilen – gehören der anglikanischen Kirche an. Diesmal sind die Söhne der Familien (zwischen 20 und 27 Jahre alt) an der Reihe, das Treffen vorzubereiten und durchzuführen. Es ist ein junge, weltoffene, mit modernen Kommunikationsmitteln aufgewachsene Generation. Während die Eltern und Großeltern ein Bibel in die Hand nehmen, um den entsprechenden Text zu lesen, genügt den heutigen Leitern des Treffen ein iPhone, mit dessen Hilfe sie sich den Text via Internet auf den kleinen Bildschirm laden. Eine beeindruckende Runde.

Nach dem Bibel-Teilen dann der gemütliche Teil. Für die Gastgeber eine große Ehre, einen Gast aus Deutschland in seiner Wohnung empfangen zu dürfen. Natürlich ist man stolz, dem Gast aus fernem Land die indische Küche vorstellen zu dürfen. Ich weiß nicht mehr, wie viel ich an diesem Abend gegessen habe. Es war auf jeden Fall sehr viel, eine Variation aus mindestens 7 unterschiedlichen Hauptgerichten. Es fällt schwer, um 23.00 Uhr schon wieder „Auf Wiedersehen“ sagen zu müssen. Eine unheimliche Herzlichkeit durfte ich an diesem Abend erleben.

„Nice to meet you“

„Es freut mich, Sie kennen zu lernen“ – hallt es am Freitag morgen durch den Eingangsbereich des Gästehauses. Die Gastfamilien sind gekommen, um uns abzuholen. Der dreitägige Aufenthalt in Familien beginnt.

Nachdem schon alle Gastfamilien samt den Gästen aus Deutschland gegangen waren, kam schließlich auch meine Gastfamilie: Emily und Vicky. Sie entstammen indischen Familien aus Tamil Nadu. Ihre Großeltern kamen in den 40er Jahren auf der Suche nach Arbeit nach Singapur. Sowohl Emily als auch Vicky sind beides Ingenieure. Vicky arbeitet in einem großen Freizeitpark Singapurs, ist Leiter für die dortigen Verkehrsbetriebe und ist Chef von 35 Mitarbeitern. Emily arbeitet in einer Firma der Regierung, die zum Hochsicherheitsbereich gehört. Sie darf über ihre Arbeit nichts erzählen. Ihr Sohn, Studium der Luft- und Raumfahrttechnik, arbeitet ebenfalls in dieser Firma. Ihre Tochter arbeitet in einer Beratungseinrichtung für Menschen in Armut.

Vicky und Emily sind sichtlich stolz auf das, was sie erreicht haben. Sie leben heute im 14. Stockwerk eines Hochhauses, ihre Kinder haben eine gute Ausbildung erhalten und haben eine entsprechende Arbeit gefunden.

Als wir abfuhren, teilten Vicky und Emily mir mit, dass sie sich für diesen Tag frei genommen haben und es für sinnvoll halten, dass ich etwas von Singapur zu sehen bekomme. Und so haben sie mir als aller erstes verschiedene hinduistische, buddhistische und chinesische Tempel gezeigt. Singapur ist ein multiethnischer und multireligiöser Staat: 76,8% Chinesen, 13,9 % Malayen, 7,9% Inder; Die Religionszugehörigkeit stellt sich wie folgt dar:

Buddhisten 42,5%; Muslime 14,9%; Taoisten 8,5%, Hindus 4%, Christen 14,6% (Katholiken 174.000). Aus Sicht des Staates ist es oberstes Prinzip die Harmonie der Religionen und Ethnien aufrechtzuerhalten; jeglicher Verstoß gegen dieses Prinzip wird geahndet.

Zum Mittagessen haben sie mich eingeladen. Wir sind in den Bahnhof von Singapur gegangen. Dort, so berichtet mir Vicky, gäbe es das beste malayische Essen. Nachdem sie merkten, dass ich für alles offen bin, haben sie für mich das Essen ausgesucht. Es bereitete ihnen sichtlich Freude mir Köstlichkeiten aus der asiatischen Küche vorstellen zu können. Und es war auch wirklich lecker. Die Essensdüfte in den so genannte Food-Stores (Ein Nebeneinander unterschiedlichster Garküchen – immer ist zumindest eine chinesische, indische, malayische Küche vertreten) sind unbeschreiblich.

Anschließend ging es dann in ihre Wohnung, eine Eigentumswohnung im 14. Stockwerk. In Singapur zu leben bedeutet auf engstem Raum zu leben. Aufgrund dessen bekommt die Frage der Privatsphäre einen ganz besonderen Wert.

Am Abend schließlich gab es in der Wohnung der beiden Gastgeber ein besonderes Treffen. Hochqualifizierte junge Leute, die sich seit 7 Monaten in wöchentlichen Zusammenkünften auf ihre Taufe vorbereiten. Eine Anwältin, eine Psychologin, ein IT-Spezialist, ein Architektin, ein Versicherungsfachmann und ein Zeitsoldat. Emily leitet dieses Gruppe und bereitet sie auf die Taufe vor. Insgesamt dauert die Vorbereitung ein Jahr. Die Kirche in Singapur hat ausgefeilte Programme für die Arbeit mit Katechumenen. Die konkreten Gruppen werden von engagierten Laien geleitet.

Es war bewundernswert zu sehen, mit welchem Engagement und Eifer sich diese hochqualifizierten jungen Menschen auf die Taufe vorbereiten. Trotz aller Schwierigkeiten. Häufig führt die Frage der Konversion zu Konflikten innerhalb von Familien, die nicht akzeptieren, dass ihr Sohn, ihre Tochter katholisch werden wollen. Aber auch Freunde, Arbeitskollegen oder Nachbarn machen Witze über sie. Dieses Thema kommt im Laufe des Abends immer wieder aufs Neue zur Sprache. In ihrer Vorbereitungsgruppe suchen sie Unterstützung und Halt. Zugleich sind aus diesen Gruppen vor drei Jahren die ersten Kleinen Christlichen Gemeinschaften in der Pfarrei von Emily und Vicky entstanden. Der Wunsch, als Gruppe nach der Taufe weiterzubestehen, andere in diese Gruppe einzuladen und als Gemeinschaft weiter über den Glauben zu reflektieren, auf das Wort Gottes zu hören war die Hauptmotivation.

Spät in der Nacht fiel ich vor lauter Müdigkeit förmlich ins Bett.

Als „Frühstücks-Selbstversorger“ …

… freuen wir uns am gefüllten Kühlschrank und den von den Gastgebern eingekauften Vorräten. Erster offizieller Programmpunkt des Tages dann der Besuch des National Museum of Singapore, in dem wir mit Hilfe einer beeindruckenden multimedialen Präsentation die Geschichte und Gegenwart Singapurs kennen lernten. Gestärkt durch ein typisch chinesisch-malayisches Essen, treffen wir dann im Pastoralinstitut der Erzdiözese das gesamte Team. Arthur Goh, der Direktor des Instituts, gibt uns eine Einführung in die Geschichte der KCG in Singapur. Bereits in den 70er Jahren sind erste Anfänge auszumachen. Seit dieser Zeit gibt es bestehende Gruppen. Eine zweite Gründungsphase war in den 90er Jahren inspiriert durch die Vision der asiatischen Bischofskonferenzen (FABC).

Für die asiatischen Bischöfe ist die Errichtung der KCGs Ausdruck eines spezifischen asiatischen Weges, „eine neue Art, Kirche zu sein“. Dieser pastorale Weg wird als AsIPA bezeichnet. Die dritte Phase ist durch die Unterstützung und Einführung des Instituts seit dem Jahr 2000 auszumachen. Das Engagement des gesamten AsIPA-Teams, bestehend aus Haupt- und Ehrenamtlichen (volunteers), findet seine Motivation in den eigenen Erfahrungen als Mitglieder dieser Gemeinschaften. Nach einem sehr intensiven Nachmittag steigt nun die Spannung. Ab morgen geht es für drei Tage in unterschiedliche Familien in Singapur. Es gilt, einen Eindruck vom Alltagsleben der Menschen, aber auch den KCGs selbst zu bekommen.

Pünktlich um 6.35 Uhr, …

… nach einem langen Flug, erreichen wir Singapur. Daphne Leong, Koordinatorin des Pastoralinstituts der Erzdiözese Singapur, erwartet uns bereits und bringt uns ins Gästehaus des Instituts. Jet Lag, 30 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit, Übermüdung und gespannte Erwartung auf das, was in den nächsten Tagen passiert, bestimmen die Atmosphäre. Die Köchin des Hauses serviert uns das Mittagessen und hat sich zum Ziel gesetzt, uns in den kommenden Tagen immer neue Gerichte der asiatischen Küche zu kredenzen. Am Nachmittag ein erster Eindruck von Singapur: vom 50. Stockwerk eines neu erbauten Hochhauskomplexes haben wir einen grandiosen Blick über die südostasiatische Metropole, in der auf kleinem Raum (etwa der Größe Hamburgs entsprechend) an die 5 Millionen Menschen leben. Am Abend dann herzlicher Empfang bei Erzbischof Nicolas Chia. In lockerer Atmosphäre saßen wir zusammen und erfreuten uns am tollen Abendessen zu dem er uns eingeladen hat. In den Gesprächen konnten wir deutlich seine Freude darüber heraushören, eine Gruppe aus Deutschland empfangen zu können, die Interesse an seiner Kirche in Singapur hat. Trotz aller Unterschiede stellen wir sehr schnell Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten fest.

Singapur

Singapur

Um 7.00 Uhr fahren die „Freiburger“ Teilnehmer …

… am Busbahnhof in Freiburg ab. Unterwegs immer neuere Informationen über den Bahnstreik. Wir hätten keine Chance gehabt, mit dem Zug, Frankfurt Flughafen überhaupt zu erreichen. Zwischen Karlsruhe und Frankfurt läuft nichts mehr. Wir sind froh. Panik: Stau auf der A 5. Moderne Kommunikationstechnologien helfen uns, wir finden Ausweg, um doch noch rechtzeitig am Frankfurter Flughafen anzukommen. Die Erleichterung ist riesig, die Anspannungen lassen nach, Freude darüber, dass auch die Nord-Badener den Flughafen rechtzeitig erreicht haben. Nach unkomplizierten Check Inn und Passkontrolle und Boarding heben wir schließlich mit fast einstündiger Verspätung nach Singapur ab.

Foto: Delegation der AsIPA-Reise des Erzbistums Freiburg in Singapur, Oktober/November 2010

Foto: Delegation der AsIPA-Reise des Erzbistums Freiburg in Singapur, Oktober/November 2010