Ruanda/Burundi 2013

Über Meerschweinchen, einen dummen Amerikaner, eine Stunde am Meer und die Mediation von Konflikten

Moralisches Dilemma des Tages

Morgens ist touristisches Programmp1050937-klein angesagt. Um einheimische Tiere zu sehen, geht es ins „lebendige Museum“. Bei unserer Ankunft stellt sich heraus, dass es sich um nichts anderes als einen Zoo mit einheimischen Tierarten handelt, die in viel zu kleinen Gehegen gehalten werden. Eh wir uns versehen sind wir drin, wo wir vom Chimpansen „Kita“ über Vipern, Kobras und der grünen Mamba – alles hiesige und tödliche Schlangenarten – bis hin zu den Krokodilen „Patrice“ und wie sie alle hießen. Die Krokodile liegen träge in ihrem Gehege. Unser Guide will wissen, ob wir eine Fütterung mit Meerschweinchen erleben wollen. Wir zögern. Interessant ja – auch nicht dumm, sich die Fütterung der Tiere durch eine Show bezahlen zu lassen. Aber ein Meerschweinchen? Wir sind unschlüssig. Einige sind dafür. Wir sagen zu. Der Guide holt einen Sack, der Inhalt scheint sich zu bewegen. Er zieht ein Meerschweinchen im Nacken heraus und wirft es ins Krokodilgehege. Schneller als wir schauen können, hat das Krokodil zugeschnappt, das Meerschweinchen zappelt nicht mehr und wird in Windeseile zerlegt. Wir haben genug gesehen. Der Guide läuft mit dem Sack zum nächsten Gehege. Wir protestieren. Eins reicht. Das scheint er nicht zu begreifen. Er wirft auch ins zweite Gehege ein Meerschweinchen, aber das Krokodil scheint nicht hungrig zu sein. Das Meerschweinchen kann sich verstecken. Beim dritten Gehege protestieren wir erfolgreich.

Dieses Erlebnis war unangenehm. Beeindruckend war die Geschwindigkeit des Krokodilangriffs auf das Meerschweinchen. Alles andere hat Fragen aufgeworfen: Was hat uns zu dieser Fütterung verleitet? War das unmenschlich oder wäre das Meerschweinchen sowieso früher oder später verfüttert worden? Dürfen wir überhaupt einen solchen Zoo besuchen? Einerseits unterstützen wir (wenn auch minimal) den burundischen Tourismus, andererseits unterstützen wir damit eine unwürdige Tierhaltung… Mein persönliches Fazit: Ich würde den burundischen Tourismus gerne anders unterstützen.

Fremdschämmoment des Tages

Der Zoo barg neben den Tieren noch ein weiteres Spektakel: Einen dummen Amerikaner. Unsere Meerschweinchen-Aktion war sicherlich fragwürdig, seine Aktionen waren noch viel fragwürdiger. Das Krokodil, was sich streicheln ließ, zog er am Schwanz durchs Gehege und ließ sich dabei filmen. Ein anderes junges Krokodil, zu dem er ins Gehege gestiegen war, schien er so genervt zu haben, dass es zum Angriff überging. Danach ließ sich der Kerl eine Cola von den Guides bringen. (Zur Information: Getrunken und gegessen wird in Ruanda und Burundi kulturell bedingt nur drinnen – aus unserer Sicht auch aus Respekt gegenüber denjenigen, die sich Essen und Trinken nicht in unserem Umfang leisten können.) Als er sich schlussendlich mit der Cola vor dem Chimpansenkäfig niederließ und sich daran anlehnte, packte ihn Kita von hinten am Hals. Natürlich ist dem Amerikaner nichts passiert, aber die Tiere schienen aus unserer Sicht zu Recht gegen ihn zusammenzuhalten.

Die Pause des Tages
Von den Krokodilen ging es zur Heimat der Krokodile an den Tanganjika-See. Gefühlt war halb Bujumbura am Strand versammelt. Ob beim Beachvolleyball, beim Picknick am Strand oder planschend im Wasser – der Sonntag gilt in Bujumbura der Freizeit, insbesondere der körperlichen Betätigung. So hatten wir bereits in der Stadt Sportgruppen joggend ihre Runden drehen sehen, auch Fußball- und Basketballplätze waren gut besucht und das Beste: Jeder kann mitmachen. Getreu diesem Motto gingen auch wir im Tanganjika-See baden. Ich musste zwar erst meine Angst vor blitzartigen Krokodilangriffen überwinden, aber dann habe ich auch den Sprung ins frische Nass genossen.

Erfahrung des Tages

Nach der Mittagspause besuchen wir einenimg_1978-klein Friedensclub (Club de Paix / Peace Club). Hier treffen sich Pfadfinder und Nicht-Pfadfinder einer Gemeinde, um unter der Leitung eines Mediators, Konflikte in der Gemeinde zu schlichten. Die Mediatoren werden von dem von uns unterstützten Projekt Amahoro-Amani ausgebildet und begleitet. Etwas außerhalb von Bujumbura angekommen geht es zu Fuß hinein ins Dorf – vorbei an einer zerlegten Kuh, auf einem staubigen Pfad, umringt von einer Horde Kinder bis wir uns vor dem Haus der Konfliktparteien wiederfinden. Dort erzählen uns die beteiligten Menschen sehr persönlich von einem im Grunde typischen Konflikt für diese Gegend:

Es geht um Ländereien. Der Konflikt bestand zwischen Vater und Sohn. Traditionell wird das Land der Eltern unter den Kindern aufgeteilt. Der Sohn aber forderte eine größere als die ihm zustehende Fläche, was der Vater verweigerte. Der Konflikt spitzte sich zu, da der Sohn auf dem Feld des Vaters ohne dessen Erlaubnis erntete, woraufhin der Vater seinen Sohn anzeigte. Zu diesem Zeitpunkt erfuhr der Mediator des Peace Clubs von dem Konflikt. Er informierte seinen Club de Paix und sie ermöglichten Schritt für Schritt einen Dialog zwischen Vater und Sohn. Ihr Ziel: Die beiden sollten einander zuhören. Und so kam es. Der Sohn erklärte, er brauche die Ländereien, um seine Familie zu ernähren. Er hat im Krieg ein Bein verloren und kann sonst keiner anderen Arbeit nachgehen. Der Vater sagte, er könne ihm dennoch keinen Vorzug gegenüber den anderen Kindern geben. Im Laufe des Dialogs verurteilte das lokale Gericht den Sohn zu 50 000 Burundischen Francs, etwa 25 Euro. Der Vater kann die Notlage seines Sohnes verstehen, obwohl er an der Verteilung der Ländereien nichts ändern möchte. Dennoch zieht er die Klage zurück. Der Sohn muss nicht zahlen. Diese Geste der Versöhnung nimmt der Sohn an und beschränkt sich bei der Bebauung des Landes auf seine Ländereien. Die Friedensagenten des Peace Clubs begleiteten den Prozess die ganze Zeit, übermittelten Nachrichten und moderierten die Kommunikation. Mit Erfolg. Vor uns stehen die beiden nun nebeneinander. Erzählen uns die Geschichte ihrer zwei jährigen Auseinandersetzung. Zwischendurch nimmt der Vater liebevoll den Arm seines Sohnes.

Es ist heiß, es ist staubig, mir rinnt der Schweiß den Rücken runter. Aber wir sind vor Ort. Genau hier in den ländlichen Gemeinden setzen die Peace Clubs an, arbeiten mit kleinen Schritten daran, alltägliche Konflikte zu lösen. Ich bin beeindruckt und hoffe, dass diese kleinen Schritte immer weiter zu einer besseren Zukunft in dieser Region beitragen können.

Saskia

Reges Treiben im AGR Zentrum in Kigali

Mit halbierter Gruppe ging es nachdsc0505-klein dem Kaffee Tasting weiter zum Zentrum der AGR in Kigali. Dort herrschte reges Treiben. Als wir ankamen wurden gerade die Zeugnisse der Vorschule vergeben. Die Kleinen trugen Baby Class Holiday Kronen und tanzten ausgelassen – in Vorfreude auf die Ferien. Das Zentrum der AGR hat sich seit meinem letzten Besuch 2005 ganz schön verändert. Ein neues Gesundheits-Jugendzentrum wurde gebaut. Hier ist eine Beratungsstelle, in der sowohl HIV Test gemacht werden können, als auch eine Beratung vor und nach dem Ergebnis stattfindet. Da das Projekt großen Zuspruch findet, gibt es drei Behandlungsräume. Außerdem im Angebot: Computerraum, Englischunterricht, Basketball, Tischtennis… alles beschallt mit afrikanischer Musik. Alice: “Musik ist wichtig, sonst kommen keine Leute.” Die Schule und das Nähatlier gibt es auch noch. Der im Februar stark beschädigt Versammlungssaal hat schon ein neues Dach und wird gerade saniert, so dass er noch attraktiver zum Vermieten für Feste etc. wird. Nach einem leckern afrikanischen Buffet mussten wir uns dann leider schon verabschieden, aber zum Glück werden wir uns am Wochenende wiedersehen.

Tina

Schatten der Vergangenheit und Perspektiven für die Zukunft

Der Nachmittag wurde vom missio-Partner der Erzdiözese Kigali vorbereitet. Pfarrer Kalinko erwartet uns in Kigali am Pastoralzentrum St. Paul. Von dort wollen wir die Gemeinde Sacre Ceur in Liliama ca. 40 km von Kigali entfernt besuchen. Hier gibt es ein interessantes und wichtiges von missio gefördertes Programm zum Umgang mit der Vergangenheit Ruandas.

Zuerst aber halten wir in der Pfarrei St.p1050670-klein Therese in Nyamata. Hier erwartet uns eine Gedenkstätte, hierhin hatten sich 1994 mehr als 2.000 Menschen in die Kirche geflüchtet aus Angst vor Verfolgung und in der Hoffnung, dass die Kirche Schutz bieten könne. Heute ist die ehemalige Kirche eine Erinnerungsstätte, ein Memorial, keine Dokumentation und keine Erklärung, nur die verwüstete Kirche, die Kleidung der Opfer auf den Bänken. Besucher haben die Möglichkeit hinter der Kirche das Grab zu betreten. Unten liegen in engen Regalen die Schädel  und die Knochen der Opfer – dieser Ort macht sprachlos zugleich ist es so wichtig, dass es Orte wie diesen gibt.

Der Weg führt uns weiter nach Liliama. Dortp1050708-klein treffen sich mehr als hundert Katechistinnen und Katechisten und Leiterinnen und Leiter von Kleinen Christlichen Gemeinschaften und begrüßen uns im Gemeindesaal. In dieser Gegen leben viele Menschen, die direkt vom Genozid betroffen sind. Wie umgehen mit einer solchen Erfahrung?

Die Diözese hat ein Programm begonnen, bei dem die Leiter der Kleinen Christlichen Gemeinschaften und die Katechisten ausgebildet werden Versöhnungsarbeit zu leisten. Denn die Aufarbeitung der Geschichte steht immer vielfach noch aus und manche Probleme, die heute das Zusammenleben belasten, hängen direkt oder indirekt mit den Erfahrungen der Vergangenheit zusammen. In den Kleinen Christlichen Gemeinschaften können Wege eingeübt werden, wie durch die Begegnung mit dem Wort Gottes, das gemeinsame Gebet und den Austausch von Erfahrungen ein wirklicher Versöhnungsprozess stattfinden kann.

Was beeindruckt, ist das dieser Prozess von so vielen Menschen mitgetragen wird. Frauen und Männer, Junge und Alte, alle wollen dazu beitragen, dass durch das gemeinsame Leben im Glauben echte Versöhnung möglich ist und die Menschen eine gute Perspektive entwickeln können. Beeindruckend!!

Heiner

Fairer Kaffee vom Ende der Welt

Ein Loch im Boden

11:39 Uhr. Das rechte Vorderrad unseres Mini-Busses hängt in einem metertiefen Loch. Der Bus liegt schräg. Wir sitzen schräg. Unser Gepäck hat sich zusammen mit unseren frisch gekauften Leckereien für das Mittagessen in die rechte vordere Ecke des Busses bewegt. Eine halbe Minute vorher hat der Busfahrer unseren Bus in der ersten Kurve auf dem Busbahnhof direkt in das Loch gelenkt. Wir lachen kopfschüttelnd, dem ein oder anderen Schmerzen die Glieder und ich frage mich, ob wir – natürlich sowieso schon in Verzug – jemals pünktlich bei der Musasa-Kaffee-Kooperative ankommen werden, die wir heute besuchen wollen. In Windeseile läuft ein gutes Dutzend Ruander herbei, bestaunt und kommentiert das Drama aufgeregt und bevor wir aussteigen können haben zig Hände den Bus inklusive Passagiere und Gepäck aus dem Loch gehoben. Der Bus scheint in Ordnung zu sein, wir fahren los und im Rückspiegel sehe ich die aufgeregte Gruppe Ruander um das metertiefe Loch stehen als würden sie sich wundern, wo das plötzlich herkam.

Wo Starbucks den Kaffee herbekommt

Wölfi (das Maskottchen der Wölflinge, der jüngsten Pfadfinderstufe der DPSG) gesellt sich zu den Frauen bei der Bohnenlese.

Wölfi (das Maskottchen der Wölflinge, der jüngsten Pfadfinderstufe der DPSG) gesellt sich zu den Frauen bei der Bohnenlese.

Dreieinhalb Stunden später. Wir sind angekommen. Vorher wurde die Frage in meinem Kopf von der Frage nach der Pünktlichkeit zur Frage, ob wir überhaupt jemals ankommen würden. Nach unserer spektakulären Abfahrt in Ruhengeri ging es nach ein paar Kilometern geteerter Straße auf einer Lehmpiste ins Nirgendwo weiter. Wenn unser Fahrer nach „Musasa“ fragte, nickten die Menschen auf dem Weg unbestimmt und zeigten in unsere Fahrtrichtung. Also fuhren wir immer weiter, begleitet von einer riesigen roten Staubwolke hügelauf, hügelab, wobei man im Norden Ruandas eher von Bergen sprechen kann. Angekommen beeindruckt mich wie so häufig in Ruanda der fantastische Ausblick auf ein Meer aus rotbraun grundierten, grün gesprenkelten Hügeln. Vor dieser Kulisse trennen Frauen gute von schlechten Kaffeebohnen und ich komme mir vor wie in einer Broschüre von TransFair. Isaac, der Geschäftsführer der Kooperative, nimmt uns in Empfang und beginnt ohne Umschweife damit, uns die Funktionsweise der Kooperative zu erklären:

1118 Mitlieder hat die Kooperative. Sie wählen einen fünfköpfigen Vorstand, der sich aus drei (!) Frauen und zwei Männern zusammensetzt, außerdem haben sie 26 fest angestellte Mitarbeiter, darunter die Geschäftsführung, sowie übers Jahr verteilt 300 Saisonarbeiter. Für ruandische Verhältnisse auf dem Land kommt mir das vor wie ein Großunternehmen. Weshalb sie sich für das Fairtradesystem entschieden haben? Isaac lacht, unsere Frage scheint trivial. Ein Mindestpreis für den Kaffee sei garantiert, was sie vor den schwankenden Weltmarktpreisen von Kaffee schütze und sie könnten mit der von Fairtrade gezahlten Prämie die Kooperative weiterentwickeln und etwas für ihre Mitglieder tun. Beispielsweise hätten sie eine Kantine für die Mitarbeiter_innen gebaut, das Lager renoviert, Maschinen zur Weiterverarbeitung angeschafft und für nächstes Jahr sei die Renovierung der Straße zur Kooperative geplant, davon habe dann auch die Gemeinde etwas. Ich bin beeindruckt vom Tatendrang der Mitglieder. Seit der Gründung 2005 hätten sie ihre Handelsbeziehungen systematisch ausgeweitet. Mittlerweile gebe es Partner in den USA, Australien, Europa und Südafrika, einer der bekanntesten Abnehmer der vergangenen Jahre sei vermutlich Starbucks.

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Die Kooperative legt größten Wert auf Qualität und Sorgfalt. Auffällig sind die Sauberkeit und der gepflegte Zustand der Maschinen. Sonst habe ich bisher häufig verrostete Maschinen, vertrocknete Brunnen, nicht mehr funktionierende Solaranlagen und ähnlich gescheiterte Projekte angesehen. Anders hier. Isaac erklärt uns wie aus den rohen Kirschen in mehreren Schritten die Bohnen mit der besten Qualität ausgewählt werden. Das was aussortiert wird, verkaufen sie auf den lokalen Märkten, alles andere geht zu ca. 80% an Handelspartner aus dem Fairen Handel. Weitere 20% werden noch an konventionelle Abnehmer verkauft, aber nur so lange bis sie auch dafür faire Handelspartner gefunden haben, denn der Faire Handel sei das Beste, lacht Isaac.

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In diesem Punkt kann ich mich Isaac nach diesem Besuch beherzt anschließen. Ich kenne den Fairen Handel schon lange, kaufe gerne und im Bereich des Möglichen faire Produkte, aber vor Ort zu sehen, was mein Konsum – zusammen mit dem Konsum vieler anderen Fairtrade-Konsumenten – bewirkt, stärkt mich. Es stärkt mich darin weiter tatkräftig und begeistert an der Idee des Fairen Handels mitzuwirken, als Konsumentin und als Multiplikatorin. Also liebe Leserinnen und Leser – trinkt fairen Kaffee, esst  faire Schokolade – es ist so einfach, achtet beim Einkaufen einfach auf das Siegel!

Der Bus und Staub und Brückenimg_1589-klein-e1374701155517

19.28 Uhr: Ankunft in Kigali. Wir sind müde und erschöpft. Die klapprigen Holzbrücken wurden auch auf dem Rückweg nicht stabiler. Sie bestehen aus Baumstämmen, die quer über Bachläufe und Täler gelegt werden und über die unser Busfahrer mutig drüberlenkte. Nach der Erfahrung mit dem Loch am Anfang des Tages klammerten wir uns bei jeder Brücke fest. Im Gegensatz zu unserem Ausflug an den Kivusee und damit an die Grenze zum Ostkongo gestern Abend, kam mir die Fahrt heute wesentlich bedrohlicher vor. Dementsprechend sind wir am Ende des Tages sowohl bereichert, als auch durchgeschüttelt, erleichtert und von einer rotbraunen Staubschicht bedeckt – genau wie unser Gepäck.

Saskia

“I can be the richest man!”

Nachdem wir gestern bei einer Fairtrade-dsc0428-kleinKaffeekooperative waren, stand heute Vormittag der Besuch des “Farmer Support Centre” von Starbucks in Kigali auf dem Programm. Da Starbucks seit einiger Zeit in Europa ausschließlich Fairtrade-Espresso verwendet, haben wir uns dafür interessiert, welche Aktivitäten ein solcher Weltkonzern im Bereich Nachhaltigkeit zusätzlich zu Fairtrade anbietet, und was die Motivation für dieses Engagement und die Fairtrade-Zertifizierung ist. Im letzten Jahr hatte Starbucks auch Kaffee der Musasa-Kooperative gekauft, die wir gestern besucht hatten.

Das Starbucks Farmer Support Centre

Julianne Kayonga, die Leiterin des Farmer Support Centres, begrüßt uns in ihrem Büro und schiesst nach einer kurzen Vorstellung direkt los, uns einiges über das Farmer Support Centre zu erzählen: Das Zentrum wurde 2009 gegründet und ist neben Ruanda auch für Burundi und Tansania zuständig. Die Hauptaufgabe ist es, Kaffeebauern und -kooperativen zu beraten. Überichs nur nicht nur die, die mit Starbacks geschäftliche Beziehungen unterhalten, sondern grundsätzlich alle Kaffeebauern, die sich gerne beraten lassen möchten.

Qualität

Julianne erzählt uns auch viele Beispiele, wie die Arbeit “in the field” abläuft: Das wichtigste ist es, ein Bewusstsein für das Produkt und dessen Qualität zu schaffen, denn die meisten Kaffeebauern haben noch nie ihren eigenen Kaffee getrunken. Der erste Schritt ist es dann also, mit einem mobilen Labor zu den Bauern zu fahren und ihnen ihren Kaffee zu rösten, zu kochen und zuzubereiten. “We show the farmers, how their coffee tastes!” Aufgrund der meist anfangs schlechten Qualität, schmeckt den Kaffeebauern der Kaffe meist zunächst nicht. Wenn Juliannes Mitarbeiter dann aber einen hochwertigen ruandischen Kaffee verköstigen, sagt sie nur noch: “they drink it and they like it!” Sie entwickeln gar eine richtige Passion für guten Kaffee.

Ertrag

Neben der Qualität berät das Farmer Support Centre aber vor allem in Sachen Verbesserung des Kaffeeertrags. Julianne erzählt davon, dass viele Ruander sehr alte Kaffeesträucher haben, die nur einen niedrigen Ertrag bringen. Manche Kaffeesträucher bringen im Jahr nur 2,7 kg Ertrag, kürzlich hat sie sogar mit einem Bauern gesprochen, dessen Kaffeesträucher jeweils nur 300 g Ertrag pro Jahr bringen. Durch richtiges Schneiden der Sträucher, richtigem Einsatz von Düngemitteln und Schädlingsbekämpfung und Pflanzung von neuem Sträuchern zum richtigen Zeitpunkt könne aber auch dieser Kaffeebauer seinen Ertrag auf 10 kg pro Kaffeestrauch im Jahr ausweiten. Die Reaktion war begeistert: “I can be the richest man!”

Soziales

Das Bewusstsein für Qualität und Kenntnis von Anbaumethoden und der richtigen Weiterverarbeitung (Waschen, Fermentieren, Sortieren, Trocknen) ist aber nicht alles, was Starbucks den Kaffeeproduzenten bietet. Auch die soziale Entwicklung wie Frauenförderung, Gesundheitstraining und wirtschaftliche Beratung sind dem Unternehmen laut Julianne wichtig und es finden entsprechende Beratungen statt. Auch ist die Firma mit dem Agrarministerium in Kontakt und sieht sich als Advokaten der Kleinbauern.

Warum das Ganze?

Aber warum zeigt ein Unternehmen wie Starbucks ein solches Engagement, zumal sich dieses nicht nur an die eigenen Zulieferer handelt? Ich frage mich auch, ob es sich dabei eher um einen Tropfen auf den heißen Stein handelt, oder ob hier wirklich etwas bewegt wird. Sicher können wir bei einem solchen Besuch im Büro der Firma nicht all diese Fragen klären. Aber dennoch, was ist die Motivation für dieses kostspielige Engagement? Es scheint neben sozialem Engagement vor allem die Sicherung von entsprechender Qualität in ausreichender Menge in der Zukunft zu sein, was Starbucks antreibt. Rückblickend auf die letzten vier Jahre des Farmer Support Centres berichtet Julianne: “The impact is tremendous!”. Aus meiner Sicht ist das Engagement von Starbucks in Ruanda auf jeden Fall sehr begrüßenswert, auch wenn wir das nach einem kurzen Besuch sicher nicht umfassend beurteilen können.

Kaffeeverköstigung

Im praktischen Teil unseresdsc0410-kein Besuchs konnten wir eine Verköstigung mit zwei Kaffeeexperten machen. Das Farmer Support Centre überprüft regelmäßig die Qualität von Kaffeeproben, die die Kaffeebauern abliefern. Es gibt dann detaillierte Rückmeldungen bzgl. des möglichen Verkaufspreises und wie die Qualität verbessert werden kann: Muss das Waschen und Fermentieren verbessert werden, stimmt der Trocknungsgrad oder die Lagerung nicht oder muss besser aussortiert werden? Davon, dass der letzte Punkt extrem wichtig ist, konnten wir uns selbst überzeugen: Bei der Kaffeeprobe wird der frischgeröstete Kaffee von jedem Kaffeebauern in fünf Portionen für je eine Tasse geteilt und einzeln gemahlen. In fünf verschiedenen Gläsern wird dann erst am Pulver gerochen, dann am aufgebrühten Kaffee gerochen und letztendlich löffelweise verkostet. Schon am Geruch kann man feststellen, dass nicht alle fünf Gläser der selben Herkunft gleich riechen: In einzelnen Gläsern waren Bohnen, die von Schädlingen befallen sind, und daher einen unschönen Kartoffelgeruch und -geschmack aufweisen. Schon vereinzelte Bohnen können so dazu führen, dass ganze Kaffeesäcke oder gar Container nicht mehr besonders schmackhaft sind. Diese Erkenntnis macht noch einmal deutlich, wie wichtig die Qualitätssicherung durch Schädlingsbekämpfung und manuelles Aussortieren ist.

Frank