Nordost-Indien 2019

Bibel teilen in Christlichen Gruppen und Gemeinschaften fördert Aufbau einer Kirche auf Augenhöhe

Angekommen in der Diözese Shillong (Bundesstaat Meghayala) entdecken die Gäste aus Deutschland etwas Bedeutendes für die Pfarrei-Arbeit im Nordosten Indiens insgesamt.

In der Diözese Schillong gab es im Jahr 2000 in einer Diözesanversammlung die Entscheidung, auf neue Art Kirche zu werden. Seitdem wird dies mit Hilfe der SCC, Small Christian Communities, entwickelt.

Überall in den Pfarreien entwickeln sich solche überschaubaren Nachbarschaftsgruppen (8-15 Personen, Frauen, Männer, Kinder), die sich wöchentlich zum Bibel teilen nach der 7-Schritte-Methode treffen, meist zum Text des folgenden Sonntags-Evangeliums. Besonders wichtig ist der sechste Schritt, in dem eine konkrete Aktion der Umsetzung miteinander abgesprochen wird. Es kann etwas sein, das sofort und kurz erledigt wird (zum Beispiel ein Krankenbesuch in der Nachbarschaft …), es kann aber auch ein intensiveres, längeres Projekt sein (zum Beispiel die Mithilfe bei Baumaßnahmen der Pfarrei).

In einer Pfarrei in Shillong traf die Reisegruppe auf 24 solcher „units“, die alle eine/-n Leiter/-in haben.

In einem Laien-Fortbildungszentrum der Diözese finden viele Schulungen zur Unterstützung, Reflexion und Vertiefung statt. So werden viele LeiterInnen gefördert. Es entsteht mit der Zeit „von unten“ ein großes Netz sehr engagierter und in ihrem Glauben und in ihrer Persönlichkeit gereifter Menschen. Der Erzbischof betont, „dass man die Früchte der Entwicklung deutlich sehen kann.“

Erzbischof Dominic Jala ist in der Sache sehr klar: „Wir wollen diese neue Art von Kirche, wir wollen eine Gemeinschaft von Gemeinschaften sein. Meine Priester müssen die neue Rolle, die sich dadurch auch für Sie ergibt, akzeptieren. Wir trainieren alle Ordensschwestern, die damit in alle Pfarreien und Außenstationen kommen.“

Auch im zentralen Priesterausbildungszentrum für den Nordosten Indiens sind die Kandidaten in kleinen Gruppen aufgeteilt, um sich wöchentlich zum Bibel teilen zu treffen und sammeln so sehr viele persönliche Erfahrungen.

Alle Diözesen im NO Indiens arbeiten an diesem Projekt gemeinsam, sind gut vernetzt und haben mittlerweile einen Regionalkoordinator für SCC. Unterstützt werden sie vom Nationalteam Indien für SCC unter der Leitung von Thomas Vijay, der auch schon in Hildesheim Fortbildungskurse gegeben hat.

Pfarreien mit Außenstationen und Schulen

Die einheitliche Pastoralstrategie im Nordosten Indiens

Kirche erleben – das heißt auch, die pastorale Strategie der Pfarreien kennenzulernen, die auf dem Reiseplan der Gruppe aus Deutschland stehen. „In verschiedenen Diözesen, in der Stadt und auf dem weiten Land bis in die Bergregionen hinein zeigt sich uns immer wieder das gleiche Bild“, erklärt Hans-Georg Hollenhorst.

Eine Pfarrei besteht immer im Zentrum aus einer zentralen Pfarreistation mit weit im Umland liegenden Dörfern, den so genannten Außenstationen. Meistens sind es zwischen 10 und 40 kleinere Dörfer, die dazu gehören. Sie sind teilweise mit Jeep oder Motorrad erreichbar, ansonsten nur zu Fuß. Der Marsch dorthin kann bis zu drei Tagen dauern.

Im Zentrum gibt es meistens einen Kindergarten, immer eine Schule (1.-10. Klasse) mit angegliederten Internaten, getrennt für Mädchen und Jungen. Für beides muss ein Beitrag gezahlt werden. Die LehrerInnen leben mit auf dem Gelände. Zu den Schulen gehört oft ein kleiner Schwesternkonvent mit zwei bis vier Schwestern und ein Priesterteam mit zwei bis vier Priestern. Die beiden Teams werden meistens von einheimischen und internationalen Orden gestellt. Sie geben auch Unterricht in der Schule und sorgen sich um die Internatskinder.

Ansonsten touren Priester und Schwestern regelmäßig über mehrtägige Touren in alle angegliederten Dörfer.

Schule zuerst: Die Kirche in den Dörfern wird zuletzt gebaut

In den Dörfern gibt es unterschiedliche Formen von Katecheten als lokale Verantwortliche für die Pastoral. Es sind häufig Männer, aber auch immer wieder Frauen. Es gibt einzelne verantwortliche Katecheten, ein Duo aus Mann und Frau oder Teams mit bis zu fünf Leuten, die von der Gemeinschaft für drei bis fünf Jahre gewählt werden.

Die Gemeinschaft entscheidet auch, wer von jedem Dorf in den Pfarreirat entsandt wird. Dort können auch noch Einzelne dazu berufen werden.

So ein Pfarreisystem entwickelt sich nach und nach. Es beginnt oft mit ganz einfachen Gebäuden aus Bambus, in der dann Kinder beschult werden und Priester und Lehrer wohnen.

Die Leute fragen immer zuerst nach einer Schule. So wird damit begonnen. Die Kirche wird zuletzt gebaut.

Die Reisegruppe aus Deutschland erlebt durch die Bank sehr sympathische und engagierte, LehrerInnen-, Schwestern- und Priesterteams. Ihre Häuser sind alle sehr gastfreundlich. Es gibt immer mehrere angegliederte Zimmer für Durchreisende und Besucher. „Das ist sehr faszinierend“, sind sich alle einig.

Bildung hat ganz klar Priorität, weil sich nur über sie Gemeinschaft und Gesellschaft verändert, auch wenn der Weg über kleine Schritte und mehrere Generationen gedacht werden muss. Es gibt viele tolle Beispiele, wie aus solchen SchülerInnen engagierte BürgerInnen werden, die mitunter auch wichtige berufliche Positionen ausfüllen.

missio hilft beim Bau

Für die Errichtung der Gebäude ist unterstützende Hilfe auch aus dem Ausland notwendig; durch sie kann diese Infrastruktur aufgebaut werden. missio als kirchliches, internationales Hilfswerk und einige deutsche und andere Diözesen werden als verlässliche Partner sehr geschätzt. Interessant: Es waren deutsche Missionare, die im 19. Jahrhundert im Nordosten Indiens mit der Mission begonnen haben.

Die Pfarrei Batasipur: Das kirchliche Alltagsleben findet statt in 33 Dörfern

Ein solches Entwicklungsbeispiel haben die Gäste aus Deutschland in der Diözese Tezpur erleben dürfen. Nach einer 90-minütigen Fahrt von Tezpur bis in die Land-Pfarrei Batasipur. 33 Dörfer gehören dazu. missio Aachen, das Erzbistum Köln und alle Einheimischen haben das Projekt mit unterstützt. Die Kirche wurde erst 2018 eingeweiht als letztes Gebäude, das entstanden ist.

Die Menschen aus den Dörfern kommen in der Regel nur drei Mal im Jahr zur Pfarreikirche: Ostern, Weihnachten und zum Kirchweihfest. Ansonsten findet das kirchliche Leben in der Außenstation statt.

Schulausbildung in Batasipur: Kinder werden fit gemacht fürs College

Die Schule ist 2009 gestartet. Die meisten Kinder kommen aus der Volksgruppe der Boros (80 Prozent). 15 Lehrer unterrichten 600 Kinder; ein Drittel von ihnen lebt im Internat.
Die Schulgebühr beträgt 1.300 Rupies für katholische, 1.500 für andere Kinde. Eine Uniform kostet 250-300 Rupies (3-4 Euro).
Die Menschen sind sehr arm, manche werden finanziell unterstützt oder sind vom Schulgeld frei gestellt. Sie bringen dann etwas von dem, was sie anbauen, zum Beispiel Reis.

Die Hälfte der SchülerInnen sind katholisch.  Im Gebiet von Batasipur gibt es viele Hindus. Die Mädchen und Jungen besuchen vor Ort den Kindergarten und die Schule bis zur zehnten Klasse. Zum College, Klasse 11 und 12, mit Schwerpunkt  fahren die Jugendlichen in eine der größeren Städte. Die sind manchmal mehrere hundert Kilometer entfernt. Danach kann man studieren. Der Priester berichtet, dass von dieser Schule, an der er auch unterrichtet, von 100 Kindern auch 100 zum College in verschiedene Städte gehen. Ein Studium danach ist eher selten. Begründet liege das, so der Geistliche, an den finanziellen Verhältnissen der Familien. Ein Studium sei teuer, kaum jemand könne sich das leisten. Wer aber das College besucht hat, findet anschließend auch Arbeit, von der er leben kann.

Die Organisation der Pfarrei

Es gibt Männer und Frauen als Katechisten, je zwei in jedem Dorf. Sie werden für drei oder fünf Jahre von der Gemeinde gewählt. Jedes Dorf hat einen Dorfrat, der von den Bewohnern gewählt wird und jedes Dorf wählt Vertreter für den Pfarreirat; einige werden auf Pfarreiebene zusätzlich berufen.

Die Pfarrei gestaltet die einzelnen Sonntage für verschiedene Anliegen, zu denen dann aus allen Dörfern Teilnehmer kommen, zum Beispiel Katechetenmessen und -treffen, Sonntage für Jugendliche oder Frauen.

Die Priester touren während der Woche umher für Messen oder Meetings.

Die Messe wird in Boro- oder Hindi-Sprache gefeiert. Die Priester sprechen im Durchschnitt fünf Sprachen. Die gemeinsame  Sprache in der Diözese ist Hindi.

„Die Freude an der Arbeit kommt zuerst“

Auf die Frage nach den Herausforderungen seiner Arbeit antwortet der Priester: „Die Freude an der Arbeit kommt zuerst.“ Besondere Herausforderungen seien neben den hohen Erwartungen an die Priester, die manchmal nicht zu erfüllen seien, dass die Priorität der Menschen auf der Arbeit, dem Erwerb liege und dass die Jugendlichen immer mehr Möglichkeiten bekämen, so dass sie sich vom kirchlichen Leben mehr und mehr zurückzögen. Die Leute kommen oder kommen nicht, die Arbeit kommt zuerst für die Leute. „Im Moment ist es aber noch so, dass die Jugendlichen noch mit Nachdruck von den Eltern zur Kirche und zu Treffen geschickt werden“, sagt er.

Neugründungen von Pfarreien werden von der Diözese stark unterstützt

Sie bekommen monatlich 3.000 Rupies (40 Euro) und Messintentionen. Die Diözese stellt den Priestern die Unterkunft. In der Messe werden zur Gabenbereitung Lebensmittel gebracht: Reis, Gemüse oder Blumen, zum Beispiel. Die Gaben sind für die Kirche und auch für die Küster und Schwestern.

Generell kann man sagen, dass die Diözese der Neugründung einer Pfarrei in einem größeren Umfang Unterstützung leistet. Wenn Schule und Internate vor Ort gegründet wurden, zieht sie sich finanziell mehr zurück.

„Wir können viel lernen“

Es ist sehr spannend zu sehen, wie diese pastorale Strategie der Bistümer bis in die entlegensten Land- und Bergregionen greift. Vor dem Engagement der sehr kleinen Teams rund um den Bischof auf Diözesanebene (5-15 Personen) bis zu den Teams der LehrerInnen, KatechetInnen, Ordensschwestern und Priestern in diesen Großpfarreien beziehungsweise Missionsstationen kann man nur den Hut ziehen.

Die Gäste aus Deutschland erlebten und erleben für die Sache brennende, strahlende, … Jüngerinnen und Jünger Jesu. Der Ansatz wird durch eine mitunter stark wachsende Kirche bestätigt!

„Wir können viel lernen“, schlussfolgert Hans-Georg Hollenhorst. Dazu gehöre zum Beispiel die herausragende Gastfreundschaft, ein lebendiges Netzwerk und ein tiefer, persönlicher Glaube aus dem die Motivation für die pastorale Arbeit vor Ort unter oft ärmlichen Bedingungen erwachse.

 

… und was ist mit Tee?

Arme Familien mit Genossenschaftsmodell von Teegärten unterstützen

Weiter geht es von Itanagar über die vom Militär bewachte Grenze des Bundesstaates Arunachal Pradesh zurück in den Bundesstaat Assam und die Diözese Tezpur. Sie hat 33 Pfarreien mit je etwa. 40 Außenstationen mit bis zu 20.000 und mehr Katholiken. Die Außenstationen werden von einem Katechetenteam geleitet, dem fünf Laien angehören. Sie werden von der Gemeinschaft vor Ort für fünf Jahre gewählt.

In der Diözese Tezpur besucht die Reisegruppe aus Deutschland ein diözesanes Teeprojekt, das 2018 den Internationalen Preis für den besten Schwarztee-Geschmack erhalten hat. Nachträglich auch an dieser Stelle nochmals: Herzlichen Glückwunsch!

Die Grundidee des Projektes ist, arme Familien in einem Genossenschaftsmodell zu unterstützen. Father Sebastian, der Generalvikar der Diözese, hat das Projekt in Gang gesetzt. Er führt Schritt für Schritt durch den Entwicklungsprozess der Teeherstellung.
F. Sebastian sagt: „Wir trinken immer eine Tasse Tee, wenn wir müde werden. Das belebt uns neu.“ Der Slogan des Mädchens auf dem Plakat am Eingang zur Fabrikhalle sagt zudem in „Hindi-Sprache“: Tee reinigt die Seele!

Das verdeutlicht die Bedeutung des Tees in der Region.

Die Teeherstellung

Erster Schritt: Teeanbau durch Familien

    Verbunden mit dem Projekt sind heute 2.200 kleine Teegärten und damit ebenso viele Familien. Die Familien schließen sich zusammen und bringen den Tee zur Fabrik. Brachland für die Teegärten wurde den Familien zur Verfügung gestellt. Die Flächen sind bis zu einem Hektar groß. Die Tee-Qualität der kleinen Familien-Gärten ist besser als die von den Großplantagen.

Zweiter Schritt: Verarbeitung in der Teefabrik der Diözese

    Die Familien bringen den gepflückten Tee zur Fabrik. Dort wird er gewogen und quittiert. Die Fabrik der Diözese gibt für den Rohtee zwei Rupies mehr pro Kilogramm als die Großplantagen. Fünf Kilogramm Rohtee werden für ein Kilogramm Tee benötigt. Die Teeblätter werden acht Stunden lang angetrocknet, mit einem Gebläse wird Feuchtigkeit entzogen. Bei Regen wird eine beheizbare Trocknung verwendet. Ist der Tee getrocknet, wird er mehrfach zerkleinert und gemahlen. Bei der anschließenden erneuten Trocknung wechselt er seine Farbe. Die folgende Röstung geschieht bei 180 Grad. Am Ende des Prozesses entstehen verschiedene Qualitäten Tee und verschiedene Sorten: schwarzer und grüner Tee. Der beste Tee ist nach F. Sebastian der nicht erhitzte grüne Oolong Tee.

Dritter Schritt: Teevermarktung

    Der Tee wird in Säcken mit LKW nach Gujarat, Bombay und weiter ins ganze Land verkauft. Er wird dann dort gemixt mit Ernten aus anderen Regionen. Künftig ist auch eine Vermarktung außerhalb Indiens geplant.

Vierter Schritt: Gewinn unter den Familien teilen

    Der Gewinn der Diözesanfabrik wird am Ende, nach Abzug der Kosten, durch alle beteiligten Familien geteilt. Die Firma selbst macht keinen Gewinn. Erntezeit ist von Februar bis Dezember, sieben Stunden täglich.

Die Teepflanze:

Die Teepflanze braucht drei Jahre bis sie erntereif ist. Der Stamm wird mehrmals in etwa 20 Zentimetern Höhe über der Erde abgeschnitten. Dadurch verbreitet sich die Teepflanze. Sie braucht viel Wasser, Sonne und Schatten. Gespendet wird letzterer durch Bäume, die auf den Teefeldern gepflanzt werden.

Mit der Erntereife der Pflanze kann dann alle sechs Tage Tee gepflückt werden. Die Erntezeit ist im Jahr vom 27. Februar bis zum 10. Dezember.

Die Tee-Testung:

Nach dem Rundgang durch die Fabrik bot sich für die Gäste aus Deutschland die Möglichkeit, die verschiedenen Tees zu probieren. Dabei wird ein Teelöffel Tee zwei bis drei Minuten mit heißem Wasser aufgebrüht und dann durch ein Sieb gegossen. Getrunken wird er ohne oder mit einem Teelöffel Milch. „Eine tolle, neue Erfahrung“, waren sich alle einig.

Teepflücken auf Plantagen:

Ein Arbeitstag eines Teepflückers ist sieben Stunden lang. In dieser Zeit sollen 23 Kilogramm pro Person gepflückt werden. Nachmittags holt ein LKW den gepflückten Tee ab und wiegt das Pflückergebnis des Tages. Wenn mehr gepflückt wurde als das Tagessoll vorgibt, gibt es mehr Geld, sonst weniger. Frauen sind die besseren Pflücker: Gute Pflückerinnen schaffen pro Tag manchmal 30 bis 60 Kilogramm. Als Bezahlung erhalten die Teepflücker außer 140 Rupies am Tag (etwa 1,50 Euro) auch Unterkunft, Essen, Kleidung und medizinische Versorgung. Aktuell im Kommen sind kleine elektrische Erntegeräte der Chinesen mit Batterie auf dem Rücken; so werden weniger Pflücker gebraucht.

Besuche in den Bergpfarreien Mengio und Palin

„Payalincho“ (Danke) für diese Erfahrungen

Fast ans Ende der Welt ging es für die Reisegruppe aus Deutschland. In zwei kleiner Gruppen eingeteilt, besuchten sie zwei abgelegene Bergpfarreien: Mengio und Palin. Die Menschen, die dort leben gehören zum Volk der Nyishi.

Werner Meyer zum Farwig und Johannen Hunkenschröder sind in Mengio zu Gast, Hans-Georg Hollenhorst, Thomas Kamp-Deister und Christa Kortwinkel in Palin.

Soviel sei vorweg verraten: Alle waren sich nach der Rückkehr einig: Das war ein Erlebnis, das man nicht vergisst.

Werner Meyer zum Farwig schreibt:

Johannes und ich sind in Mengio. Fast am Ende der Welt. Danach kommen nur noch der Dschungel und die Grenze zu China. Fr. Sajan, ein 34- jähriger Ordenspriester aus Kerala, leitet die Gemeinde zusammen mit einem Assistenten. 3.000 Katholiken verteilt auf 17 Dörfer, die Outstations. Das sind weit verstreute schwer zugängliche Dörfer. Wir fahren zu einer dieser Outstations, nach Kiding. Hier fragt man nicht „wie viele Kilometer“, sondern „wie lange mag es dauern“. Wir brauchen knapp drei Stunden. Etwa 100 Menschen erwarten uns, 40 Familien leben hier. Johannes und ich erhalten typische Nyishi-Westen, so heißt der Stamm (Volksgruppe) hier. Vor der Messe hören die beiden Priester vor dem Kircheingang die Beichte ab und alle Bewohner kommen. Die anderen beten in der Zwischenzeit den Rosenkranz. Anschließend feiern wir Gottesdienst mit vielen Liedern und einer lebendigen Predigt.

Gollo Yakkum ist Mutter von vier Kindern und begrüßt uns im Namen der Gemeinde. Gollo ist hier Katechetin. Das Dorf hat sie gewählt. Ihr vertraut man. Sie leitet Beerdigungsfeiern, Wortgottesdienste und macht Hausbesuche. missio fördert die Aus- und Fortbildung von Laienkatecheten, Menschen wie Gollo.

Die Häuser vor Ort sind ganz aus Bambus gebaut und zum Teil an den Berghang, mitten in den Dschungel. Auch das ein Abenteuer.

Bewegt von der Gastfreundschaft und einer tiefen Freude am Glauben sagen wir „Payalincho“ – Danke.

Hans-Georg Hollenhorst berichtet tief beeindruckt:

Die Anreise von Itanagar bis Palin braucht den ganzen Tag (174 km in die Berge; 7 Stunden reine Fahrzeit).

Dort angekommen führt uns das Salesianerteam etwas in die Situation vor Ort ein. Wir erfahren, dass die Gemeinschaftssprache Hindi ist, untereinander aber eine eigene, ursprüngliche Sprache gesprochen wird. Beide Sprachen klingen für unsere europäischen Ohren außergewöhnlich, aber spannend und schön. „Albuaru“ heißt zum Beispiel „Guten Morgen“, „albe hato“ bedeutet „Guten Abend“ und „Payalincho“ heißt „Danke“.

In der Region gibt es nur wenige Hindus. Das ist außergewöhnlich für Indien. Die meisten Menschen gehören der katholischen Kirche an, aber es gibt auch Baptisten und Protestanten.

Von April bis September, und auch sonst, gibt es immer wieder Regen. Im Juni und Juli regnet es fast durchgängig. Dann ist die Region schwer zugänglich, weil aus den Bergen Wasser und Erde gespült wird und Wege nicht befahrbar sind.

Nationaltier des Bundesstaats Arunchal Pradesh ist der Mithum, eine Art Büffel. Die Tiere sind sehr friedlich und wertvoll. Einer ist etwa 50.000 Rupien wert – das sind rund 700 Euro.

„Holy Rosary Church“ erste Pfarrei der Region

Die Pfarrei „Holy Rosary Church“ in Palin war die erste Pfarrei in dieser Region und die zweite in der Diözese mit ehemals 159 Bergdörfern, die meistens nur über lange Fußwege erreichbar sind. Die Fläche war so groß wie 1/2 Deutschland. Inzwischen gibt es 5 Pfarreien, die jetzige in Palin noch immer mit 29 Bergdörfern. Eine weitere Teilung ist geplant.

Zum Team der Salesianerpatres vor Ort gehören Pfr. Manuel, Fr. John, Fr. Paulus und Br. Joseph. Es gibt auch zwei Schwesterngemeinschaften; neben den Mutter-Theresa-Schwestern auch Franziskanerinnen.

Wir erfahren nicht nur Dinge über die pastorale Arbeit vor Ort sondern auch ganz alltägliche Dinge, wie Preise auf dem Markt oder Lohnkosten: So kostet ein Hühnchen drei Euro, ebenso ein großer Fisch. Eine Tasse Tee ist für 30 Cent zu haben.

Ein Tag Arbeit, zum Beispiel bei einem Hausbau, kostet vier Euro. Ein Lehrer an einer Katholischen Schule verdient 100 Euro und wohnt frei. Mietwohnungen gibt es indes nur in der Stadt, auf dem Dorf baut jeder irgendwie selbst.

Reflexion: Besuch anrührend und herausfordernd

Die Zeit in den Bergpfarreien hat alle Mitglieder der Reisegruppe nachhaltig beeindruckt.

Thomas Kamp-Deister sagt:

    „Die charismatische Ausstrahlung von Pfarrer Manuel hat mich sehr beeindruckt. Ebenso die Schülerinnen vor Ort. Sie haben unendlich viel Power. Das zeigt die Stärke dieser jungen Kirche. Wir haben in unserer Zeit in Nordost-Indien sehr offene und gastfreundliche Häuser und Menschen überall getroffen. Nahezu überall gibt es Gästezimmer für Durchreisende. Und trotzdem hält die Konsumgesellschaft Einzug; Welten prallen aufeinander.“

Christa Kortwinkel berichtet:

    „Die Freundlichkeit und Euphorie der Kinder und Patres ist mitreißend, man lässt sich schnell anstecken. Auf den ersten Blick ist das Leben in den Bergpfarreien, in denen die Abgeschiedenheit förmlich greifbar ist, schon sehr ärmlich. Ich bin ganz ehrlich wenn ich sage, dass es schon Ängste bei uns allen gab, ob wir wohl im Zeitplan zurückkommen angesichts der seifigen, matschigen Straßen.“

Hans-Georg Hollenhorst reflektiert:

    „Wir sind Menschen begegnet, die vor Lebensfreude sprühen. Dadurch, dass eine Priorität auf der Bildung für die Kinder liegt, wird eine Zukunft der Gesellschaft vor Ort gesichert. Wir erleben eine sehr offene, junge Kirche. Die katholischen Schulen sind immer Internate, Mädchen und Jungen besuchen sie getrennt. Eine besondere Herausforderung sind die Infrastruktur – insbesondere die Straßen – und die Kommunikation: Es gibt in Palin erst seit zwei Jahren Strom, ab und zu einen sehr langsamen Internetzugang. Mir stellt sich die Frage, wie sich das Leben hier wohl weiterentwickeln wird?“

Station im Dorf Yangte

Nach drei Stunden Fahrt ist die Gruppe von Hans-Georg Hollenhorst, Christa Kortwinkel und Thomas Kamp-Deister im Dorf Yangte angekommen.

Zuvor hatte Pfarrer Manuel in Palin eine kure Info gegeben über diesen abgelegen Ort: In Dörfern wie Yangte, die meist nur zu Fuß erreichbar sind, leben 10 bis 20 Familien. Deren Leben ist einfach und besteht aus aufwachen, Feldarbeit, kochen und schlafen. Bis vor Kurzem gab es weder Fernsehen noch Handys. Einzige Abwechselung ist Alkohol – das ist fatal, zerstört er doch viele Familien.

Viele der Dorfbewohner haben noch nie die kleine Stadt Palin gesehen, oder einen Bus oder einen Zug. – Alkohol als einzige Abwechslung; zerstört Familien …

Wie versuchen die Patres die Menschen in den Dörfern zu erreichen?

Die Patres touren manchmal mit dem Auto, oft und in der Regel aber zu Fuß durch die Dörfer, reden, diskutieren, beten mit den Menschen vor Ort, übernachten bei Ihnen. Eine Tour dauert zehn Tage, es gibt eine Checkliste, was mitzunehmen ist.

In jedem Dorf gibt es ein Katechetenteam; einen Mann und eine Frau, die Sonntags einen kleinen Gottesdienst leiten, da in der Regel keiner der Patres vor Ort sein kann. Ein Mal im Jahr sind alle Katechet/-innen für drei Tage in Pfarreizentrum: Austausch, Geistliche Zeit, biblische Filme anschauen, um eine Idee von biblische Geschichten zu bekommen – es ist ja die „erste“ Christengeneration, die hier aufwächst!

Auch mit Problematiken beschäftigt sich die Kirche dort vor Ort: So werden Gruppen von 20 bis 25 Leuten in ein Exerzitienhaus eingeladen, um zum Beispiel den Umgang mit Alkohol zu reflektieren. Die Arbeit zeigt Wirkung: Viele hören nach der Zeit dort mit der Trinkerei auf.

Mit den Kindern werden immer wieder Ausflüge gemacht: So lernen sie die Welt „da draußen“ kennen. Delhi und Kalkutta sind zum Beispiel regelmäßige Ziele.

Autopanne souverän gemeistert

Ganz glatt ging die Fahrt in das kleine Dorf natürlich nicht: Bei dem Auto riss die Hinterachse aus der Federung. Alles kein Problem, sofort wurde das Auto aufgebockt und die kaputte Federung mit Reifenschlauchstreifen repariert.

In Yangte angekommen gib es einen Wahnsinnsempfang: Die Gäste aus Deutschland werden mit Blumenkränzen, Schals und handgefertigtem Schmuck begrüßt. Es gibt Tanzdarbietungen, ein Familiengebet im Haus eines Katecheten und ein gemeinsames Essen an der Feuerstelle des Hauses.

Die meisten Menschen haben gutes Auskommen

Trotzdem, dass die Region sehr ärmlich wirkt, haben die Menschen dort ein gutes Auskommen. Viele haben einen Job von der Regierung, alle kultivieren Felder in den Bergen. Der ganze Clan unterstützt die Zahlung des Schulgelds für die Kinder. Kinder sind die Zukunft – das hat man in dem kleinen Dorf am gefühlten Ende der Welt verstanden.

Hausbau dauert drei Tage

Während sich in Deutschland ein Hausbau über Monate hinzieht, geht es in Yangte schnell: Alle Materialien werden besorgt, dann werden alle Dorfbewohner zusammengerufen. Innerhalb von drei Tagen ist das Haus fertiggestellt. Jeder Dorfbewohner kennt die Hausbautechnik und hilft so gut er kann.

Das Volk der Nyishi – Mädchen werden verkauft

Im abendlichen Gespräch mit den Patres lernen die Besucher aus Deutschland etwas darüber, was die Kultur der Nyshi ausmacht.

Neben vielen faszinierenden Aspekten kommt auch ein sehr aufwühlendes Thema zur Sprache: Der Verkauf von Mädchen. So können Väter jederzeit Mädchen abgeben beziehungsweise verkaufen. Die Mädchen haben kaum eine Chance ihren Mann selbst zu wählen. Junge Mädchen werden vor allem von älteren Männern gekauft.

Manchmal ergeben sich Beziehungen Jugendlicher untereinander. Sie leben dann sehr früh zusammen und bekommen schon im sehr jungen Alter Kinder. Die meisten jungen Eltern sind nicht älter als 16 Jahre. Manchmal verhandeln die Väter der Mädchen Jahre später über den Kaufpreis ihrer Tochter. Ein Ausgleich muss dann stattfinden. Das wirkt auf die Reisegruppe mehr als befremdlich.

Eine bisher seltene Ausnahme ist, dass Mädchen weiter in Schule gehen, studieren, selbst Geld verdienen und sich dann frei kaufen können.

Bischof von Itanagar kennt Goch am Niederrhein

So klein ist die Welt

Nach einer langen Fahrt über mitunter holprige Straßen sind die Gäste aus Deutschland in Itanagar im Bundesstaat Arunchal Pradesh angekommen. Die Diözese Itanagar ist erst zwölf Jahre alt – das erlebt man auch nicht alle Tage. Für den Übergang in das nördlich und zur Grenze von China gelegene Bundesland war ein extra Visum notwendig, welches der örtliche Bischof John Kattrukudiyil besorgt hatte. Alles lief gut an der Grenze. In der Landeshauptstadt und Bischofsstadt Itanagar musste sich die Reisegruppe bei der Polizei erneut melden, dass sie angekommen ist.

In den kommenden Tagen werden die fünf aus Deutschland – aufgeteilt in zwei Gruppen –  zwei Pfarreien in den Bergen besuchen, in denen wie überall in der Diözese die erste Christengeneration lebt. Alle sind erst einige Jahre oder gerade getauft. „Das ist unglaublich für uns aus der Diözese Münster mit mehr als 1000 Jahren Christentumsgeschichte“, sagt Hans-Georg Hollenhorst. Alle seien sehr gespannt auf die Begegnungen.

In einem längeren Gespräch mit dem Bischof – der gut Deutsch spricht –  stellt sich heraus: Er kennt Goch am Niederrhein! Er war in den 1970er-/1980er-Jahren mit Pfarrer Hendrix in Goch (der später Propst in Kleve war) befreundet. So kannte er Goch ganz gut, hat öfter in Maria Magdalena dort Messe gefeiert und sich bei einem Besuch dort im Rathaus auch in das Buch der Stadt eingetragen. Unglaublich, an der Grenze zu China weit abgelegen im Nordosten Indiens einen indischen Bischof zu treffen, der Goch am Niederrhein kennt. Besonders für Hans-Georg Hollenhorst war das eine außergewöhnliche Begegnung: Er ist in Goch aufgewachsen, es ist seine Heimatpfarrei.

Großartig, die weltweite katholische Kirche!