Mexiko 2012

Bienvenidos a Valle de Chalco – von Freitag bis Samstag

Am Freitag ist unsere Frauentruppe, Sabrina, Elena, Nathalie, Mirjam und Frau Könemann, nach einem kurzen Zwischenstopp in Neza weiter in die Gemeinde Valle de Chalco gereist. Ein sehr herzlicher Empfang der Gemeinde stimmte uns positiv auf das neue kulturelle Erlebnis. Schon am Anfang kamen auf beiden Seiten Fragen auf, durch die wir erahnen konnten, wie viel wir kulturell voneinander lernen könnten. Unsere Gastmutter Elsa empfing uns mit den Worten: “Ich verstehe kein Deutsch, aber ich verstehe die Deutschen” – die Familie hat schon viele deutsche Freiwillige aufgenommen, weswegen sie Kommunikationsschwierigkeiten gelassen gegenüber stand. Es ist allerdings ihre typisch mexikanische Offenheit und Herzlichkeit, mit der sie uns am meisten für ihre Kultur begeistert hat.

Unser erster ganzer Tag hier startete schon faszinierend – mit einem Gang durch die Straßen und Gassen von Valle de Chalco, das schon sehr anders aussieht, als wir es aus Deutschland und auch aus anderen Teilen des Landes gewöhnt waren. Die Gebäude sind sehr einfach gehalten, die allermeisten sind grau und unverputzt, auch die Straßen nicht geteert. Wir fallen auf, wenn wir durch die Stadt laufen – an verschiedensten Stellen wurden Fotos und Videos von uns gemacht. Auffällig für uns waren unter anderem die vielen Hunde, die in den Straßen frei herumlaufen – es ist nicht unüblich, dass eine Familie bis zu vier Hunde hat, sagte Katharina, die in Valle de Chalco ein Jahr als Freiwillige mitarbeitet. Unsere Gastfamilie hat nur zwei Hunde, von denen einer – Sultan – uns den Vormittag über (wie alle Hunde unangeleint, bis in eine Kapelle hinein) begleitet hat.

In der Pfarrkirche, deren Dach bisher noch provisorisch aus einer Zirkuszeltplane besteht, konnten wir einen kurzen Einblick in die Kinderkatechese bekommen. Ca. 200 Kinder bombardierten uns mit Fragen zu deutschem Geld, Namen und Zahlen, aber auch der wirtschaftlichen Situation und der ökologischen Einstellung in unserem Land. Auch kulturell haben wir uns ausgetauscht: unserem Gesang von “Er hält die ganze Welt in seiner Hand” antworteten die Kinder mit einem mexikanischen Lied über die Unendlichkeit der Liebe Gottes. Anschließend präsentierten uns die Katechetinnen ihr Konzept, in dem sie religiöse Themen mit der sozialen Realität (Kinderrechte, Stellung der Frau, nachhaltiges Wirtschaften…) zu verbinden versuchen.

Auch durften wir ein Einblick in einer der vielen Basisgemeinden bekommen. Jene Mitglieder trafen sich, um sich über ihren Glauben auszutauschen und Wortgottesdienst zu halten. Padre Abel, ein Priester der Diözese, nimmt ab und zu an diesen Treffen, um die Gemeinde zu unterstützen. So war er auch bei unserem Besuch anwesend und besprach mit ihnen über die Marienfrömmigkeit.

Anschließend nahm uns der Padre mit zu einer mexikanischen Fiesta. Eine befreundete Familie richtete für ihren Sohn eine Feier zum 18. Geburtstag aus. Es wurde ausgelassen gefeiert, getanzt und getrunken. Besonders beeindruckt haben uns dabei die bonbonfarbenen Kleider der Tänzerinnen. Auch wir durften das Tanzbein schwingen und bekamen eine kurze Einführung in die Salsaschritte.

Der Sonntag startete mit einem Besuch bei einem geistig und körperlich Behinderten, dem zwei Laien aus der Gemeinde die Krankenkommunion brachten. Wir durften sie dabei begleiten und bekamen im Anschluss Cordon bleu zum Frühstück. Die Gastfreundlich dieser Menschen überwältigte uns einmal mehr.

Gestärkt machten wir uns auf, die „tianguis“, einen Sonntagsmarkt, zu erobern. Die Vielfalt an Angeboten, Gerüchen und Eindrücken war überwältigend.

Danach nahmen wir an einer Messfeier an einem ungewöhnlichen Ort teil: mitten auf dem Markt des 24. Juni, auf dem viele Gemeindemitglieder arbeiten. Auch hier kam wieder die Sozialpastoral zum Ausdruck, die die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellt. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Marktleiter lud dieser uns zu einem gemeinsamen Mittagessen vor Ort ein.

Nachmittags holte uns der Padre mit der Camioneta der Gemeinde in unserer Gastfamilie ab – die Camioneta, das ist ein kleiner Lastwagen, auf dessen Ladefläche wir bequem sitzen und die Sicht auf die geschäftigen Straßen der Stadt genießen konnten. Auf diese Weise fuhren wir zu NIEV – einem Drogenprojekt, das wohl zu den beeindruckendsten Projekten gehörte, die wir in Valle de Chalco besucht haben. Es handelt sich dabei um eine zivilgesellschaftliche Einrichtung, die von der Kirche in seelsorglicher und spiritueller Hinsicht Unterstützung erhält. In einem Haus leben dort ca. 70 junge Männer zwischen 15 und 25 Jahren zusammen, bekochen und versorgen sich selbst, putzen täglich ihr Haus, bekommen Unterricht und Möglichkeiten der Freizeitgestaltungsmöglichkeiten. Die jungen Männer, die dort ankommen, sind teilweise seit ihrem 11. Lebensjahr drogensüchtig und davon sichtlich gezeichnet. Das Leben im Haus ist nicht immer einfach: man schläft mit 15 Mann auf engstem Raum in einem Zimmer ohne Fenster. Bewohner dürfen im ersten Jahr das Haus nicht verlassen – so funktioniert der kalte Entzug, den man vielen Bewohnern deutlich anmerken konnte. Obwohl viele rückfällig werden und aus dem Teufelskreis der Drogen nur schwer oder gar nicht herauskommen, ist das Projekt für die Süchtigen so eine wichtige Stärkung und Wertschätzung, dass von den fünf freiwilligen Betreuern des Projektes zwei 6 Tage die Woche Tag und Nacht in dem Haus mitwohnen – denn dieses Projekt ist ihr Leben.

Zum Tagesabschluss saßen wir bei Tequila gemütlich mit unserer Gastfamilie zusammen, führten gute Gespräche und tanzten Salsa …

Sabrina, Elena, Nathalie

Somos peregrinos – wir sind Pilger

Das Internet war zwischenzeitlich so schwach, dass keine Blog-Postings möglich waren; jetzt geht es aber wieder los!

Nach fünf gemeinsamen Tagen in der Gesamtgruppe haben wir uns in zwei Halbgruppen aufgeteilt, die jetzt jeweils bis Dienstag in verschiedenen Pfarreien unterwegs sind: zum einen in Chalco und Neza am Stadtrand von Mexiko-Stadt, zum anderen im Partnerbistum der Diözese Münster in der Diözese Tula, ca 150 km nördlich von Mexiko.

In Tula angekommen wurden wir herzlich vom Generalvikar Pater Miguel Angel (Engel) Rangel empfangen. Der erste Höhepunkt, neben der großen Gastfreundschaft und sehr leckeren Essen …, war die Führung durch die Kathedrale, dem ehemaligen Franziskanerkloster. Im Dom finden sich verschiedene sehr gelungene und anrührende Inkulturationsorte, wie z.B. das Allerheiligste in der Anbetungskapelle sowie das 3-flügelige Altarbild, in dem Elemente der indianischen Kultur aufgenommen und christlich interpretiert werden.

Zum Abend hin machten wir uns auf den Weg nach Ixmilquilpan, ca. 1,5 Stunden von Tula entfernt. Wir hatten das große Glück bei der berühmten Prozession mit dem Jesus von Jalpan, einem lebensgroßen Kruzifix mit mexikanischer Scherpe, teilzunehmen. Sie wird jährlich durchgeführt als Dank für den Schutz während der Revolutionszeit, die eine Vernichtung dieses Ortes verhinderte. Tausende von Christen, teileweise in indianischen Trachten, säumten den über lange Strecken mit Blumen geschmückten Weg nach San Nicolas am späten Abend und in der Nacht. Gewaltige Feuerwerke, Gesang und Gebete begleiteten die Prozession auf Hin- und Rückweg. Diese Prozession ist ein sehr lebendiges Zeugnis der mexikanischen Volksreligiosität.

Bei Tequila und einem mexikanischen Bierchen beendeten wir den langen Tag und fielen weit nach Mitternacht todmüde auf unser etwas improvisiertes Matratzenlager.

En camino, unterwegs aus dem Auto:  Stefanie, Vera, Carmen, Michael, Hans-Georg

Menschenrechte, Migration und eindrucksvolle Begegnungen im Armenviertel am Stadtrand

Wie jeden Tag starteten wir um halb 8 mit einem gemeinsamen Morgengebet, in welchem wir Bezug nahmen auf die bevorstehenden Begegnungen des Tages. Nach der spirituellen Stärkung folgte ein wirklich herzhaftes mexikanisches Frühstück (Bohnen, Chili-Sauce, Bratkartoffeln etc.). In der Uni angekommen, konnten wir zwischen zwei Themenblöcken wählen: Migration und Menschenrechte. Die Ordensschwester Dolores Palencia erzählte von ihrer Arbeit mit Migrantinnen und Migranten auf dem Weg in die USA. Ihr bewegendes Zeugnis wird in diesem Blog noch einmal mit einem eigenen Text gewürdigt.

Das Thema Menschenrechte wurde uns von Fr. Miguel Concha Male OP nahe gebracht. Der Dominikaner gründete vor über 20 Jahren das „Centro de Derechos Humanos Fr. Francisco de Vitoria OP“ und kämpft entschlossen für die Durchsetzung der Menschenrechte in Mexiko – trotz aller Widerstände der jeweils regierenden Parteien. Er und seine beiden Mitarbeiter kritisierten sehr engagiert das neoliberale System, welches die Grundlage für Korruption, Verarmung und Rechtlosigkeit bildet. Leider verging die Zeit zu schnell, so dass nicht alle Fragen beantwortet werden konnten.

Nach der Mittagspause ging es mit Studenten eines Missionsordens in einen Außenbezirk von Mexiko-Stadt. Auf einer ehemaligen Müllhalde errichteten hauptsächlich Migranten aus dem Süden ein eigenes Viertel. Die Wohnsiedlung wird von den Anwohnern autonom verwaltet, die für das endgültige Recht, dort wohnen zu dürfen, noch kämpfen. Seit vier Jahren gibt es dort eine katholische „Kapelle“, die aus Wellblech und Holz provisorisch gebaut ist. Hier fand die erste Begegnung mit Christinnen und Christen im Camp „libertad y patria“ statt. Nach diesem ersten Austausch wurden wir, in Kleingruppen aufgeteilt, von den Anwohnern durch ihre Heimat geführt. Inzwischen sind die Behausungen aus Pappe durch Steinwände abgelöst worden. Einer Familie steht ein Raum von lediglich 20 qm zur Verfügung, in dem sich Küche, Toilette, Schlaf- und Wohnzimmer vereinen. Die Katechetin Maria lud uns zu einem Glas Wasser in ihr Haus ein. Nach einem Fußballspiel auf dem örtlichen Bolzplatz fanden wir uns nochmals in der Kapelle ein. Unsere Bitten und unseren Dank brachten wir vor dem Allerheiligsten zum Ausdruck. An das gemeinsame Beten und Singen schloss sich ein einfaches Abendessen an. Überwältigt von den vielen tiefgehenden Eindrücken machten wir uns mit zwei Kleinbussen auf den Heimweg. Die Stimmung war ausgelassen, bis wir nach 1,5 Stunden Fahrt erfuhren, dass wir uns verfahren hatten. Todmüde fielen wir alle ins Bett, in dem die Stechmücken schon sehnsüchtig auf uns warteten …

Bene und Miguel

Dónde está tu hermano? – Wo ist dein Bruder?

Die Sehnsucht nach einem besseren Leben verbindet diep1050563 tausenden lateinamerikanischen Migranten, die sich jedes Jahr auf den Weg in die USA machen.

„Wo ist dein Bruder?“, mit dieser Frage ließ uns Schwester Hermana Dolores Palencia tief in das Thema der Migration eintauchen. Durch ihre lebendige Erzählung fesselte sie die Teilnehmer, die sich im Seminarraum eingefunden hatten, von Anfang an. Das von ihrer Ordensgemeinschaft betreute Haus in Vera Cruz liegt an der im Süden Mexikos befindlichen Bahnstrecke. Hermana Dolores und ihre zwei Mitschwestern haben sich ganz den Bedürfnissen der Migranten verschrieben, bis hin zur eigenen Bedrohung. Eine warme Mahlzeit, ein Dach über dem Kopf und wenn nötig gesundheitlichen und rechtlichen Beistand können die Migranten hier bekommen, die oft schon Wochen lang unterwegs sind. Erschöpft von der langen Reise und durch unmenschliche Behandlung gedemütigt kommen sie mit den Güterzügen, auf die sie aufspringen, bei den Schwestern an. Manchmal erreichen 2-3 mal pro Tag größere Gruppen das Heim. Nicht nur Männer sind unter den Migranten, sondern auch Frauen und Kinder, die sich auf dieser schweren Reise in besonderer Gefahr befinden. Organhandel, Vergewaltigung und Entführung bedrohen ihr Leben.

Während des Vortrags hätte man häufig eine Stecknadel fallen hören können, da wir alle nicht nur durch das Thema gefesselt wurden, sondern auch in besonderer Weise von Hermana Dolores als Person. Durch ihre aufopfernde Lebensweise hat sie alle Zuhörenden tief beeindruckt. Hängen geblieben sind auch Antworten auf die Frage, was sie von und mit den Migranten gelernt hat beziehungsweise lernt. Sie erzählte, dass sie besonders inspiriert von der Hoffnung und dem Mut der Menschen ist. „Manchmal fragen wir uns, ob wir so stark vom Reich Gottes träumen, wie die Migranten von den USA.“ Aus ihrer Sicht existiert in diesem Praxisfeld sogar eine neue Theologie, die der Migranten. Die besondere, liebevolle Hinwendung der Schwester Hermana Dolores Palencia zu diesen Menschen hat uns alle sehr berührt.

Franzis und Mirjam

Und wieder – ein ereignisreicher Tag!

Heute Morgen wurden wir herzlich im IFTIM (Instituto de Formación Teológica Intercongregacional de México) willkommen geheißen. Einige Gesichter waren uns schon durch die Videokonferenz vor einigen Wochen bekannt. Das Thema des Tages hieß „Jugendkulturen“ und Jesuitenpater Hernán gab uns einen interessanten Einblick in die Lebenswelt von mexikanischen Jugendlichen. Es war spannend, einen kurzen Blick auf die Angebote der Jugendpastoral der Jesuiten zu werfen.
Besonders beeindruckend war ein Erlebnisbericht bezüglich der Wahlen der Regierung Mexikos im vergangenen Juli. Hernán erzählte uns von einem Wahlkampfbesuch des Präsidentschaftskandidaten an der jesuitischen Universität IBERO. Nachdem wir hörten, dass die Zeitungen aus politischen Gründen falsche Informationen über dieses Treffen veröffentlichten, wussten wir die in Deutschland herrschende Meinungs- und Pressefreiheit wirklich zu schätzen! Mit der Videoaktion „Soy 132“ protestieren die Studenten gegen den jetzt gewählten Präsidenten der PRI (Partido de la Revolucion Institucional) mit teils schwerwiegenden Folgen. Einige Studenten haben bereits aufgrund politischen Drucks das Land verlassen.
Nachmittags besuchten wir ein Projekt von katholischen Schwestern mit Namen „Centro Madre Antonia“, das sich vor allem um Prostituierte und ihre Kinder kümmert. Es handelt sich hier um eine Initiative verschiedener Ordensgemeinschaften, die sich besonders der Sorge um gesellschaftlich ausgegrenzte Frauen verschrieben haben. Der Mut, die Offenheit und Hingabe der Schwestern haben uns tief berührt. Wir bewundern diese Arbeit in einem solch schwierigen Milieu, die kirchlicherseits nicht unumstritten ist.
Der Weg vom IFTIM zum Centro Madre Antonia führte uns über den Markt „La Merced“ nahe des berühmten „Zócalo“. Hier konnten wir über die Farb-, Geruchs- und Geräuschvielfalt staunen und genossen die mexikanische Atmosphäre. Was wir heute gelernt haben: Da wo Alfons ist, ist vorne! ;)
Müde, aber glücklich freuen wir uns auf das, was uns noch erwartet!

Nathalie und Bernadette