Mexiko 2012

Erholung und Reflexion in Cuernavaca

Nach den unterschiedlichstenp1060405 Erlebnissen in den jeweiligen (Basis-)Gemeinden und unserem damit einhergehenden Bedarf, alle Erfahrungen einmal richtig „sacken“ zu lassen, kamen wir in Cuernavaca wieder in der ganzen Gruppe zusammen. Das Zentrum für Interkulturellen Dialog und Entwicklung stellte genauso wie das Team alle für eine gute Erholung und Reflexion benötigte Zutaten bereit.

Angekommen am Dienstagabend luden ein wunderschöner Garten, ein Pool und ein mit Getränken gefüllter Kühlschrank dazu ein, gemeinsamen bei mexikanischen Liedern unser Wiedersehen zu feiern. Coca Cola begeisterte Menschen mussten sich dabei etwas anpassen: „Coca Cola is not my friend“ betonte die heimleitende Schwester Kathy, die damit auf den übermäßigen Konsum des Getränks in ganz Mexiko und die damit verbundene Überzuckerung ab dem Kindesalter anspielte und deshalb jenes Erfrischungsgetränk aus ihrer Einflusszone verbannt hat.

Im Vordergrund unserer Tage in Cuernavaca stand zudem die Verbindung zwischen persönlicher Reflexion und dem weiteren reflektieren in unterschiedlichen Gruppen. Mittwoch wurde deshalb ein Dreischritt vorgenommen, der mit folgenden Fragen zusammengefasst werden kann:

1. Einzelreflexion: An was denke ich, wenn ich unsere bisherige Mexiko-Reise revue passieren lassen? / Was liegt „oben auf“?

2. Gruppenbildung mit jeweils einer Person aus Tula, Neza und Valle de Chalco: Welche Aspekte erachten wir im Zuge unseres Gesprächs über unsere Zeit in Mexiko und in den Gemeinden am wichtigsten, um sie noch einmal zu vertiefen?

3. Neue Gruppenformation zu den vorher herausgearbeiteten Aspekten (nach Interesse): Wie kann man dieses Thema bearbeiten, welche Probleme und Lösungsstrategien ergeben sich? Stellt ca. 5 Punkte zu Skizzierung eures Gesprächs zusammen.

So wurde zu den unterschiedlichsten Fragen, die aus dem zweiten Schritt erarbeitet wurden, diskutiert und die Ergebnisse im Plenum vorgestellt. Darunter fielen Fragen nach dem Transfer der in Mexiko erlebten Gemeindestrukturen auf deutsche Verhältnisse, nach der Analyse von Ungerechtigkeitsstrukturen in Mexiko (die manchmal gar nicht so entfernt von Deutschland liegen) und deren Lösung. Nach diesen drei Einheiten, welche größtenteils durch ausgedehnte Pausen abgelöst wurden, haben viele Teilnehmende das Gefühl gehabt, ihre Gedanken etwas besser geordnet zu haben.

Auch der Donnerstag wurde vormittags der Reflexion geweiht: So wurde in einer Kombination aus Einzel- und Kleingruppenarbeit der Frage nachgegangen, was unsere Reise-Erlebnisse für unser persönliches wie akademisches Theologietreiben bedeutete. Diese wurde durch eine freiwillige Darlegung in der Gesamtgruppe abgerundet, die sehr intensiv und persönlich gehalten war.

Ein interessantes Intermezzo bot ein Zusammentreffen mit Raimundo, der das Zentrum, in dem wir gewohnt haben, mit gegründet hat, um dort eine Plattform für die Arbeit an Menschenrechten und an Missionsarbeit zu ermöglichen.

Der weitere Tag stand der ganzen Gruppe zur freien Verfügung, was allen eine herrliche Gelegenheit bot, den zahlreichen Einkaufsangeboten und Sehenswürdigkeiten in Cuernavaca nachzugehen oder einfach eine kleine Siesta einzulegen, um hinterher am kleinen Pool die Seele baumeln zu lassen. Der Palazio de Cortés war dabei eine tolle Anlaufstelle, da er direkt im Herz Cuernavacas liegt und man noch einen Überblick über Mexikos Kultur und Geschichte, inklusive eines beeindruckendes Wandbildes von Diego Rivera, auf dem zócalo das Treiben der Menschen bei einen cafe con leche und Mariachi-Musik beobachten konnte.

Die gemeinsame Abendandacht fiel leider etwas trauriger aus, da eine Teilnehmerin wegen Nierenschmerzen im Krankenhaus übernachten musste. Unsere zahlreichen Stoßgebete wurden aber erhört: Zum Glück konnte ihr schnell geholfen werden, so dass sie zwar nicht die gemeinsame Fahrt nach Mexiko City am folgenden Morgen mit uns antreten konnte, jedoch in Stefanie Hoppe und Rodrigo Alcantará ein gutes Begleitteam hatte und schon am Abend wieder zur Gruppe hinzugestoßen ist. Wir können uns also gesund und munter auf unsere letzten beiden Tage in Mexiko einstellen.

Antonia

Virgen de Guadalupe und Abschluss der Reise

Von Cuernavace haben wir uns auf den Rückwegimg_2669 nach Mexiko Stadt gemacht und nochmals in der Casa Emaus Quartier bezogen für die letzten beiden Tage.

Ein Highlight war noch der Besuch des größten Wallfahrtsortes in ganz Lateinamerika bei der Mutter von Guadalupe. Spannend ist dabei, dass die Virgin ein Identitätspunkt und spiritueller Ort für alle Lateinamerikaner/innen ist: für die Christen und für alle Gruppierungen der indigen Völker. Überall auf unserer Reise ist uns die Virgin schon zuvor begegnet. Es gibt eigentlich keinen Haushalt, keine Fabrikhalle, keine Kapelle, keine öffentlichen Plätze ohne ein Bild der Virgin von Guadalupe. An ihrem eigentlichen Festtag, am 12. Dezember, treffen sich dort jährlich ca. 8 Millionen Menschen und auch jede Pfarrei und Diözese hat jährlich ihre spezielle Wallfahrt zu ihr.

Zudem gab es noch beeindruckende Erfahrungen im Anthropologischen Museum der Stadt, eines der berühmtesten und größten Museen der Welt, als auch in der Casa Azul, dem Haus von Frida Kahlo, der bekanntesten Künstlerin im 20. Jahrhundert in Mexiko.

Am letzten Tag heute gab es noch eine abschließende Reflexionsrunde, in der nochmals deutlich wurde, dass es ein gelungenes Pilotprojekt der beiden Werke missio Aachen und Adveniat zusammen mit der Theologischen Fakultät Münster war. Auch wenn natürlich einige Verbesserungsvorschläge ins Gespräch kamen, fahren alle rundum zufrieden und mit einem Koffer voller neuer Erfahrungen und erweitertem Blickwinkel nach Hause.
Die abschließende Eucharistiefeier in der Gruppe mit offenem Kyrie, Bibel teilen und Fürbitten, zusammen mit den Schwestern der Casa Emaús, hat für einen ‚runden‘ Abschluss der Reise gesorgt.

Wir danken allen, die diesen Blog immer wieder verfolgt und an uns gedacht haben und nicht zuletzt all denjenigen, die uns diese Fahrt ermöglicht haben.
Im Sinne des gestrigen Nationalfeiertages sagen wir mit den Mexikanern: Adiós y viva México!

Mirjam und Nathalie

 

 

Erfahrungen in der Partnerdiözese Tula: casa del migrante in Tultengo

Die Hälfte unserer Großgruppe machte sichp1060026 für fünf Tage in das Partnerbistum Tula, im Bundesland Hidalgo, auf. Dort warteten schon vier Gastfamilien auf uns, die uns freudig begrüßten und die Tage über mit Hingabe und viel Liebe versorgten.

In dieser Zeit lernten wir verschiedene Realitäten des Bistums kennen: mehrere Basisgemeinden, Arbeiter in einer Handtuchfabrik, verschiedene traditionelle Prozessionen, (indigene) Volksfrömmigkeit, Katechetenunterricht und die Pastoralarbeit vieler Laien, Priester und Seminaristen.

Besonders eindrücklich für unsere Gruppe war der Sonntag. Nach dem reichhaltigen Frühstück in den Familien trafen wir uns in der Gemeinde St. Juan Bautista zum Wortgottesdienst mit Kommunionempfang, dem ein ausgebildeter Laie vorstand. Für die Katholiken in Tula ist diese Form des Gottesdienstes selbstverständlich um den Kirchenmitgliedern in den vielen Gemeinden gerecht zu werden. Die Kirchenbesucher waren sehr erfreut über die deutschen Lieder, die wir in den typisch mexikanischen Gottesdienst integrierten.

Im Anschluss daran ging es auf einem Pickup in Richtung „casa de migrante“ in dem täglich Migranten aus Mittel- und Südamerika einen Zwischenstopp auf ihrer Reise in die USA einlegen. Aufgrund von Perspektivlosigkeit und Armut sehen sich viele Menschen gezwungen den gefährlichen Weg auf einem Güterzug in eine „bessere Welt“ zu bewältigen. Diese Unternehmung ist begleitet von Hunger, extremen Wetterbedingungen, Bandenkriminalität, Polizeigewalt, Verstümmelungen und Tod.

Um das Leid der Migranten zu mildern und ihnen einen Ruhepol mit menschlicher Nähe zu bieten arbeiten Schwestern in der Nähe von Tula in einem Haus direkt an der Zugstrecke. Für uns unerwartet begegneten uns die Migranten mit Freundlichkeit und Offenheit. Wir konnten an diesem Tag einen kleinen Beitrag bei der Essensausgabe und bei der Reinigung des Essen- und gleichzeitig Schlafsaales leisten. Die Dankbarkeit der Männer, Frauen und Kinder war ihnen anzusehen. Während des darauffolgenden Gespräches mit der Leiterin des Hauses machten sich die Gäste bereits wieder auf den Weg in den Norden. Auf die Frage, ob wir mit den Migranten über Theologie gesprochen haben und wir dieses verneinten, erwiderte die Schwester: „Ihr habt gerade wirkliche Theologie betrieben – alles Theoretische nützt nichts, wenn es nicht praktisch gelebt wird!“ Unsere Gastfamilien waren von dieser harten Wirklichkeit und dem Engagement der Schwestern ebenso tief bewegt wie wir. Gemeinsam baten wir eine Unterstützung des Hauses der Diözese Tula an. Die argentinische Schwester gab uns zuletzt den Wunsch mit auf den Weg, dass wir nach unserer Heimkehr auch die Armen in unserer Umgebung mit anderen Augen wahrnehmen und zu bedenken, dass alle Menschen Migranten sind.

Michael und Tobias

Gemeindeleben in Ciudad Neza

Mit Tequila, Gitarre, Akkordeon img_2770und zwei stimmkräftigen Priestern begann unser Wochenende in Ciudad Neza in typisch mexikanischem Ambiente – fröhlich, herzlich und sehr gastfreundlich. In den folgenden Tagen konnten wir neben der reichhaltigen mexikanischen Küche viele verschiedene Gruppierungen und vor allem viele engagierte und aufgeschlossene Gemeindemitglieder kennenlernen, die uns interessiert und mit grosser Offenheit begegneten und von ihrer Arbeit in der Gemeinde und ihrem Glauben erzählten. Besonders intensiv waren die Begegnungen mit unseren Gastfamilien, die uns sehr freundlich ihre Häuser geöffnet haben und uns so einen Einblick in mexikanisches Familien- und Alltagsleben schenkten.

Wir haben hier eine Gemeinde kennengelernt, in der die Gemeindemitglieder nicht nur die Messe besuchen, sondern aktiv das Gemeindeleben gestalten und mit Leben füllen. Das Leitbild ist eine “Gemeinde als Gemeinschaft von Gemeinschaften”. Dazu wurde das Pfarrgebiet in Sektoren eingeteilt, in denen sich nachbarschaftliche Basisgemeinden selbständig organisieren. In diesen Gruppierungen tragen verschiedene Dienste und Rollen zu Identitätsbildung und zu einem partizipativen Gemeindeleben bei. Daneben bestehen auch eher klassische pastorale Gruppen, die sich zum Beispiel in der Ehe- und Familienpastoral, Katechese oder bei Krankenbesuchen engagieren. Beeindruckend waren auch verschiedene spirituell-liturgische Momente, vor allem ein von Frauen geleiteter Gottesdienst mitten auf dem Wochenmarkt – eine Kirche, die sich auf den Weg zu den Menschen macht! Mittelpunkt des Gemeindelebens sind die sonntäglichen Messen. Sechs volle und sehr lebendige Messen hintereinander zeugen vom hohen Stellenwert, den die katholische Kirche hier noch hat. Frei nach dem Motto “laut, falsch, aber mit Begeisterung”, wie Padre Benjamín liebevoll seinen Chor beobachtet, gestalten viele Jugendliche diese Messen musikalisch mit und sorgen in Verbindung mit der integrierenden und lockeren Art des Patres fuer echte Begeisterung… So lebensnah und authentisch, so fröhlich und doch kritisch kann Liturgie sein! Kultureller Höhepunkt des Wochenendes war die “Fiesta Mexicana”, die vorgezogene Gemeindefeier des Nationalfeiertags. Ausgestattet mit mexikanischen Riesensombreros und allerlei grün-weiss-roten Accessoirs konnten wir mit Tequila in der einen Hand und Tacos in der anderen folklorische Tanzeinlagen, Gesang und die mexikanische Lebensfreude geniessen.

Neben interessanten Einblicken in die Struktur der Pfarrgemeinde und ihren Basisgemeinden, neben vielen anregenden Impulsen für die Pastoral auch bei uns in Deutschland, nehmen wir aus Neza vor allem die Erinnerungen an viele begeisterte und begeisternde Frauen und Männer mit, die ihren Glauben und ihre Verantwortung als Getaufte ernstnehmen und vor den Herausforderungen in Gesellschaft und Kirche nicht zurückschrecken. Toll, dass wir die Gelegenheit zu dieser Begegnung hatten – vielleicht können wir ja ein bisschen von dieser Begeisterung mit nach Hause bringen … Viva México!

Martina, Peter, Rodrigo und Benedikt

Frauenbewegung im “Tal der Pfützen”

Am Montag ging es nach einem Frühstück im PLUM2GKreis unserer Gastfamilie in “Valle de Chalco” um 10 Uhr in die Gemeinde. Dort präsentierten uns die Koordinatoren der verschiedenen pastoralen Sozialprojekte ihre Arbeit.

Es gibt einen “Tafelladen”, in dem arme Familien Pakete mit Lebensmitteln des täglichen Bedarfs bekommen koennen und eine sogenannte “tienda económica”, in dem alle Lebensmittel günstiger angeboten werden. Außerdem wird ein “Bazar” mit second-hand-Kleidung betrieben sowie eine kleine Solidar-Apotheke, in der alle Leute im Ort alles für 10 Pesos (weniger als 1 Euro) bekommen können. Wer Medikamente übrig hat, spendet sie dort für den guten Zweck. Beeindruckend: Alle, die hier arbeiten, tun dies ehrenamtlich – manche mehrere Stunden am Tag!

Die theologische Botschaft, die hinter all dem steht, heisst: Wir wollen als Gemeinde bei den Menschen sein, mitten unter ihnen leben und das Evangelium von den Bedürfnissen der Armen her leben.

Katharina, die gerade für ein Jahr in Valle de Chalco lebt und arbeitet, stellte uns im Anschluss ihre Arbeit in einer Powerpoint-Praesentation vor. Sie gibt unter anderem Deutsch- und Englischunterricht und unterstützt ein Rehabilitationszentrum für (ehemalige) Drogenabhängige.

Zum Mittagessen kam der aktuelle Diözesanadministrator, Mons. Noé Aguirre, hinzu. Er war sehr interessiert an unseren bisherigen Erfahrungen waehrend der Studienreise und an unserem Theologietreiben in Deutschland. Da er vor ca. 50 Jahren einmal dort gewesen war, erinnerte er sich noch an einige deutsche Sätze.

Im Anschluss trafen wir auf eine zweite Basisgemeinde, eine reine Frauengruppe. Auch sie stellten uns ihre Arbeit vor, allerdings erzählten sie uns aufgrund der Kürze der Zeit nur etwas über den Ablauf ihrer Treffen. Was uns besonders beeindruckte, war, dass sie sich im Anschluss an jede Runde um ein Thema kümmern, das Frauen besonders betrifft.

Dabei tauschen sie sich z. B. über Gesundheitsfragen oder Familienthemen aus und kochen zusammen oder machen Handarbeiten. Auch diese Gruppe empfing uns sehr herzlich und war dankbar für das Interesse an ihrer Arbeit.

Das letzte Treffen an diesem Tag hat uns auf ganz andere Weise beeindruckt.

Wir trafen auf ein Team, das sich um mehr Aufklärung der Bevölkerung zum Thema HIV/AIDS bemüht. Dass eine solche Arbeit in Kirche möglich ist und die Offenheit der Gruppe in ihrem Handeln und Berichten hat uns beeindruckt.

Abends gab uns Padre Raúl die Möglichkeit, ihm Fragen zu stellen, die während der Tage in seiner Gemeinde unter uns aufgekommen waren, und das waren einige. Insgesamt waren wir total begeistert von allem, was er uns erzählt und gezeigt hat: Sein Ansatz einer Sozialpastoral, die sich auf die konkreten Beduerfnisse der Menschen richtet um so einen Wandel von der Basis her zu bewirken, hat unseren Blickwinkel geweitet.

Nathalie