Zusammen mit unseren neuen Freunden …

… aus Singapur versuchen wir eine gewisse Ordnung in die unterschiedlichsten Themen und Fragestellungen zu bekommen. Und sie helfen uns zugleich die Vision von Kirche, die ihren Ausdruck in KCGs findet, besser zu verstehen. Mission, Sendung bekommt eine neue Bedeutung. KCGs als Träger der Mission, der Sendung der Kirche. Es geht um eine Kirche, die aus dem christlichen Glauben heraus Verantwortung wahrnimmt im konkreten Nahbereich, nämlich der konkreten Nachbarschaft.

Wir freuen uns, dass Wendy Louis zu uns kommt. Sonntagabend kam sie zurück aus Thailand, wo sie als Verantwortliche der asiatischen Bischofskonferenzen für das Sekretariat der Laien einen zweiwöchigen internationalen Kongress zum Thema „KCGs in Asien“ durchgeführt hat. Es ist spannend, ihren Ausführungen zu folgen. Der Blick weitet sich. In unterschiedlichsten asiatischen Ländern haben KCGs Fuß gefasst. Wendy, frühere Direktorin des Pastoralinstituts in Singapur, zeigt uns aufgrund unterschiedlichster Erfahrungen in Asien auf, worauf es letztlich ankommt: es geht nicht darum, neue Strukturen zu errichten, wenn wir von KCG sprechen. Sondern es geht darum, Menschen die Möglichkeit zu geben, Jesus Christus zu begegnen. Eine Begegnung, die Menschen verändert, die ihnen hilft, ihr Menschsein tiefer zu verstehen und zu leben.

Am Abend dann haben wir eine Begegnung mit den Verantwortlichen für KCGs in der Pfarrei „Heilige Familie“. Natürlich ist auch für das leibliche Wohl gesorgt. Ein zweites Abendessen wartet auf uns, bevor die eigentlichen Gespräche beginnen.

Wir treffen auf Menschen, die aus tiefster Überzeugung seit vielen Jahren als Leiterinnen und Leiter von KCGs engagiert sind und Verantwortung übernehmen. Eine wirklich spannende Gesprächsrunde. Fragen von Ausbildung und Begleitung, von Leitung und vom Selbstverständnis der KCG stehen im Mittelpunkt. Um 22.00 Uhr müssen wir uns verabschieden. Der Bus zurück in unsere Unterkunft wartet bereits.

Ziemlich erschöpft von den intensiven Gesprächen während des langen Tages und meiner Übersetzungstätigkeit, falle ich ins Bett.

Oh je! Wo sollen wir ansetzen, …

… die vielfältigen Begegnungen, Impressionen, Eindrücke und aufkommenden Fragen zu ordnen, ein wenig zu strukturieren, um dann an den Themen mit Hilfe des Pastoralinstituts weiterarbeiten zu können? Schon abends zuvor hatte jeder aus der Gruppe ein hohes Bedürfnis, von seinen Eindrücken und Erlebnissen den anderen aus der Gruppe zu berichten. So beeindruckend war der Aufenthalt in der jeweiligen Familie, so viele neue Informationen und Begegnungen haben sich in diesen drei Tagen ergeben, dass man es mitteilen möchte. Ein anstrengender Tag steht bevor.

Wir haben uns entschieden, dass zunächst einmal jeder für sich auf die letzten drei Tage zurückblickt und die Punkte notiert, die ihm wichtig erscheinen. Als zweiter Schritt sollen sich die Zweierteams zusammensetzen, um ihre Erfahrungen in ein und derselben Familie auszutauschen und gemeinsam entscheiden, was für sie die wichtigsten Punkte waren, was sie der Gruppe als wichtige Eindrücke, vielleicht auch Erkenntnisse mitteilen wollen.

Wir beginnen also mit der Präsentation der Teams. Jede Gruppe hat 15 Minuten Zeit. Arthur, Daphne und Jarvis vom Pastoralinstitut sind dabei; ich übersetze ihnen die Ergebnisse.

Die enorme Gastfreundschaft, die jeder von uns erleben durfte, wird in jedem Bericht besonders hervorgehoben. Das vielfältige Engagement der Gemeindemitglieder, der sehr hohe Gottesdienstbesuch in den Pfarrkirchen, sind weitere Aspekte, die benannt werden. Die Tatsache, dass viele Gastgeber erst als Erwachsene getauft wurden, ist ebenfalls Thema. Das Verhältnis der unterschiedlichen Kulturen und Religionen in Singapur hat wohl jeden von uns beeindruckt. Aber es stellen sich auch Fragen: auffällig sind die für uns zum Teil recht traditionellen Frömmigkeitsformen, auch in den Kleinen Christlichen Gemeinschaften, und dies in einer hochmodernen Gesellschaft. Devotionalien stehen hoch im Kurs. Traditionelle Herz-Jesu-Bilder finden sich überall. Wie sind die Kleinen Christlichen Gemeinschaften in eine Pfarrei eingebunden, wie ist das Verhältnis zueinander? Was heißt denn nun Kirche in der Nachbarschaft zu sein? Fragen über Fragen… Nach zwei Stunden ist diese erste Runde beendet.

Da Allerheiligen ist, hat uns der Rektor des Priesterseminars zur Teilnahme am Gottesdienst eingeladen. Dieser Einladung folgen wir gern.

Wie sehr wir inzwischen den Rhythmus Singapurs angenommen haben und von den Eindrücken, Erlebnissen und Reflektionen gefangen sind, wird mir bewusst, als ich am gleichen Tag versucht habe, das Konradsblatt telefonisch zu erreichen. Mich wundert, dass ich niemanden erreiche. Bis mich ein Kollege darauf aufmerksam macht, dass in Deutschland natürlich Feiertag ist! Hätte ich ja eigentlich selber drauf kommen können.

Am Nachmittag schildern Arthur Goh und Daphne Leong vom Pastoralinstitut Singapurs ihre Eindrücke, die sie von den Präsentationen am Vormittag erhalten haben. Sie teilen unsere Einschätzungen, helfen uns jedoch auch, sie in einen Kontext einzubinden. Es ist für uns sehr hilfreich, historische Hintergründe zu erfahren, warum die Kirche in Singapur heute so ist, wie sie ist. Auch eine Einordnung in die politische Situation Singapurs ist sehr hilfreich. Das hilft uns sehr, viele Dinge besser zu verstehen. Wir sprechen von einer Kirche, die geprägt ist von europäischen Einflüssen aufgrund der Missionsgeschichte, die zugleich sehr genaue Grenzen durch den Staat Singapur aufgezeigt bekommen hat.

Wir verständigen uns schließlich auf Themen und Fragestellungen, die für unsere weiteren Reflexionen wichtig sind.

Nach einem guten Kaffee …

… geht es um 10.15 Uhr zur Kirche. „Ja, wir haben sehr früh dort zu sein, sonst bekommen wir keinen Platz mehr!“ Der Gottesdienst beginnt um 10.45 Uhr. Keinen Platz mehr – in einer Kirche, die mehr als 1.000 Sitzplätze hat! Ich bin überwältigt. Als wir ankommen strömen die Menschen geradezu in die Kirche. Am Wochenende gibt es sechs Gottesdienste. Jeder Gottesdienst ist voll von Menschen, manchmal, so erzählt mir Emily sichtlich stolz, mehr als 1.500 Gottesdienstteilnehmer. Unglaublich. Ich kann wirklich nachvollziehen, dass diese Kirche, die besondere Atmosphäre in der Kirche die Menschen anzieht. Aber was wäre das schönste Gebäude, wenn es mit der Leitung nicht stimmt? Emily und Vicky sind glücklich darüber, dass die Pfarrei von Franziskanern geleitet wird. Eine recht junge Gemeinschaft von neun Franziskanern lebt in der Kommunität. Der eigentliche Pfarrer ist recht jung, erst 35 Jahre alt. Ein sehr sympathischer Mensch mit großer Ausstrahlung. Er ist auch Hauptzelebrant des Gottesdienstes. Um die Menschenmassen überhaupt bewältigen zu können, gibt es eine ganze Reihe von Aufsichtspersonen, die Sitzplätze anweisen und für Ordnung sorgen. Auch während des Kommunionempfangs regulieren sie den „Verkehr“, so dass es nicht zu großen „Staus“ kommt und somit die ganze Zeitplanung durcheinander gerät. Bereits eine halbe Stunde nach Beendigung unseres Gottesdienstes beginnt der nächste! Zeitverschiebungen kann man sich nicht leisten …

Letztlich sind es aber auch diese Menschenmassen, die die Franziskaner dazu geführt haben – wenn auch erst seit 2007 – dass sie intensiv die Errichtung der KCG fördern. Es gilt, eine Kirche zu errichten, in der konkrete Gemeinschaft erfahrbar wird, in der die Möglichkeit besteht, den eigenen Glauben zu reflektieren, mit anderen aus der Nachbarschaft auf das Wort Gottes zu hören, dem Wort Gottes eine Relevanz für das eigene Leben zu ermöglichen. Es geht um eine Kirche, die die Vernetzung von Menschen ermöglicht, die die gegenseitige Unterstützung in diesen riesigen Hochhäusern fördert, eine Kirche, in der es darum geht, Leben und Glauben zu verbinden, in der es darum geht, den Blick für den Anderen zu fördern.

Am Nachmittag schließlich geht es zurück in unsere Unterkunft. Alle TeilnehmerInnen unserer Gruppe werden von unseren Gastfamilien zurückgebracht. Ein großes Hallo beginnt. Alle haben das Bedürfnis, von ihren tollen Erlebnissen der vergangenen drei Tage zu erzählen. Und alle sind beeindruckt von der enormen Gastfreundschaft, die sie in den Familien erleben durften. Aber viele von uns sind auch erschöpft. Intensive Gespräch während der drei Tage, unterschiedlichste Eindrücke, die Begegnung mit vielen Menschen und natürlich die Tatsache, dass jegliche Kommunikation nur auf Englisch ablief hat Kraft gekostet. Ein offizielles Programm ist für den Abend nicht mehr vorgesehen. Lediglich das Abendessen ist noch als einziger offizieller Programmpunkt für diesen Tag vorgesehen. Die gesamte Gruppe ist dafür dankbar.

Nach einer erholsamen Nacht …

… (ausschlafen bis 9.00 Uhr war angesagt, da auch Vicky und Emily den Samstag zum Ausschlafen nutzen!) ging es mit neuen Kräften in den neuen Tag. Emily und Vicky wollten mir als erstem Programmpunkt unbedingt ihre Pfarrkirche zeigen. Und es hat sich wirklich gelohnt: „St. Mary of the Angels“ ist eine supermoderne Pfarrkirche (übrigens auch im Internet zu finden), die viele Architektur- und Design-Preise gewonnen hat. Ich bin tief beeindruckt. Dies hätte ich nicht erwartet. Ich bin gespannt auf den nächsten Morgen, wenn wir zum Gottesdienst in diese Kirche gehen.

Familie hat für Vicky und Emily einen besonderen Wert. Zunächst war mir nicht klar, was sie damit meinten. Im Laufe des Abends wurde es mir aber sehr klar: Um 16.30 Uhr ging es zu einem Bruder von Emily. Die gesamte Großfamilie (mehre Geschwister mit ihren Kindern sowie die Großeltern) treffen sich zum Bibel-Teilen. „Wir sind zusätzlich eine Familien – SCC“ – erklärte mir Vicky stolz. Ein Kleine Christliche Gemeinschaft – bestehend aus einer Großfamilie! Seit etwa 20 Jahren haben sie mindestens einmal monatlich diese Treffen! Und: es ist ein ökumenisches Treffen. Die Hälfte der Großfamilie – alles Tamilen – gehören der anglikanischen Kirche an. Diesmal sind die Söhne der Familien (zwischen 20 und 27 Jahre alt) an der Reihe, das Treffen vorzubereiten und durchzuführen. Es ist ein junge, weltoffene, mit modernen Kommunikationsmitteln aufgewachsene Generation. Während die Eltern und Großeltern ein Bibel in die Hand nehmen, um den entsprechenden Text zu lesen, genügt den heutigen Leitern des Treffen ein iPhone, mit dessen Hilfe sie sich den Text via Internet auf den kleinen Bildschirm laden. Eine beeindruckende Runde.

Nach dem Bibel-Teilen dann der gemütliche Teil. Für die Gastgeber eine große Ehre, einen Gast aus Deutschland in seiner Wohnung empfangen zu dürfen. Natürlich ist man stolz, dem Gast aus fernem Land die indische Küche vorstellen zu dürfen. Ich weiß nicht mehr, wie viel ich an diesem Abend gegessen habe. Es war auf jeden Fall sehr viel, eine Variation aus mindestens 7 unterschiedlichen Hauptgerichten. Es fällt schwer, um 23.00 Uhr schon wieder „Auf Wiedersehen“ sagen zu müssen. Eine unheimliche Herzlichkeit durfte ich an diesem Abend erleben.

„Nice to meet you“

„Es freut mich, Sie kennen zu lernen“ – hallt es am Freitag morgen durch den Eingangsbereich des Gästehauses. Die Gastfamilien sind gekommen, um uns abzuholen. Der dreitägige Aufenthalt in Familien beginnt.

Nachdem schon alle Gastfamilien samt den Gästen aus Deutschland gegangen waren, kam schließlich auch meine Gastfamilie: Emily und Vicky. Sie entstammen indischen Familien aus Tamil Nadu. Ihre Großeltern kamen in den 40er Jahren auf der Suche nach Arbeit nach Singapur. Sowohl Emily als auch Vicky sind beides Ingenieure. Vicky arbeitet in einem großen Freizeitpark Singapurs, ist Leiter für die dortigen Verkehrsbetriebe und ist Chef von 35 Mitarbeitern. Emily arbeitet in einer Firma der Regierung, die zum Hochsicherheitsbereich gehört. Sie darf über ihre Arbeit nichts erzählen. Ihr Sohn, Studium der Luft- und Raumfahrttechnik, arbeitet ebenfalls in dieser Firma. Ihre Tochter arbeitet in einer Beratungseinrichtung für Menschen in Armut.

Vicky und Emily sind sichtlich stolz auf das, was sie erreicht haben. Sie leben heute im 14. Stockwerk eines Hochhauses, ihre Kinder haben eine gute Ausbildung erhalten und haben eine entsprechende Arbeit gefunden.

Als wir abfuhren, teilten Vicky und Emily mir mit, dass sie sich für diesen Tag frei genommen haben und es für sinnvoll halten, dass ich etwas von Singapur zu sehen bekomme. Und so haben sie mir als aller erstes verschiedene hinduistische, buddhistische und chinesische Tempel gezeigt. Singapur ist ein multiethnischer und multireligiöser Staat: 76,8% Chinesen, 13,9 % Malayen, 7,9% Inder; Die Religionszugehörigkeit stellt sich wie folgt dar:

Buddhisten 42,5%; Muslime 14,9%; Taoisten 8,5%, Hindus 4%, Christen 14,6% (Katholiken 174.000). Aus Sicht des Staates ist es oberstes Prinzip die Harmonie der Religionen und Ethnien aufrechtzuerhalten; jeglicher Verstoß gegen dieses Prinzip wird geahndet.

Zum Mittagessen haben sie mich eingeladen. Wir sind in den Bahnhof von Singapur gegangen. Dort, so berichtet mir Vicky, gäbe es das beste malayische Essen. Nachdem sie merkten, dass ich für alles offen bin, haben sie für mich das Essen ausgesucht. Es bereitete ihnen sichtlich Freude mir Köstlichkeiten aus der asiatischen Küche vorstellen zu können. Und es war auch wirklich lecker. Die Essensdüfte in den so genannte Food-Stores (Ein Nebeneinander unterschiedlichster Garküchen – immer ist zumindest eine chinesische, indische, malayische Küche vertreten) sind unbeschreiblich.

Anschließend ging es dann in ihre Wohnung, eine Eigentumswohnung im 14. Stockwerk. In Singapur zu leben bedeutet auf engstem Raum zu leben. Aufgrund dessen bekommt die Frage der Privatsphäre einen ganz besonderen Wert.

Am Abend schließlich gab es in der Wohnung der beiden Gastgeber ein besonderes Treffen. Hochqualifizierte junge Leute, die sich seit 7 Monaten in wöchentlichen Zusammenkünften auf ihre Taufe vorbereiten. Eine Anwältin, eine Psychologin, ein IT-Spezialist, ein Architektin, ein Versicherungsfachmann und ein Zeitsoldat. Emily leitet dieses Gruppe und bereitet sie auf die Taufe vor. Insgesamt dauert die Vorbereitung ein Jahr. Die Kirche in Singapur hat ausgefeilte Programme für die Arbeit mit Katechumenen. Die konkreten Gruppen werden von engagierten Laien geleitet.

Es war bewundernswert zu sehen, mit welchem Engagement und Eifer sich diese hochqualifizierten jungen Menschen auf die Taufe vorbereiten. Trotz aller Schwierigkeiten. Häufig führt die Frage der Konversion zu Konflikten innerhalb von Familien, die nicht akzeptieren, dass ihr Sohn, ihre Tochter katholisch werden wollen. Aber auch Freunde, Arbeitskollegen oder Nachbarn machen Witze über sie. Dieses Thema kommt im Laufe des Abends immer wieder aufs Neue zur Sprache. In ihrer Vorbereitungsgruppe suchen sie Unterstützung und Halt. Zugleich sind aus diesen Gruppen vor drei Jahren die ersten Kleinen Christlichen Gemeinschaften in der Pfarrei von Emily und Vicky entstanden. Der Wunsch, als Gruppe nach der Taufe weiterzubestehen, andere in diese Gruppe einzuladen und als Gemeinschaft weiter über den Glauben zu reflektieren, auf das Wort Gottes zu hören war die Hauptmotivation.

Spät in der Nacht fiel ich vor lauter Müdigkeit förmlich ins Bett.