Besuche in den Bergpfarreien Mengio und Palin

„Payalincho“ (Danke) für diese Erfahrungen

Fast ans Ende der Welt ging es für die Reisegruppe aus Deutschland. In zwei kleiner Gruppen eingeteilt, besuchten sie zwei abgelegene Bergpfarreien: Mengio und Palin. Die Menschen, die dort leben gehören zum Volk der Nyishi.

Werner Meyer zum Farwig und Johannen Hunkenschröder sind in Mengio zu Gast, Hans-Georg Hollenhorst, Thomas Kamp-Deister und Christa Kortwinkel in Palin.

Soviel sei vorweg verraten: Alle waren sich nach der Rückkehr einig: Das war ein Erlebnis, das man nicht vergisst.

Werner Meyer zum Farwig schreibt:

Johannes und ich sind in Mengio. Fast am Ende der Welt. Danach kommen nur noch der Dschungel und die Grenze zu China. Fr. Sajan, ein 34- jähriger Ordenspriester aus Kerala, leitet die Gemeinde zusammen mit einem Assistenten. 3.000 Katholiken verteilt auf 17 Dörfer, die Outstations. Das sind weit verstreute schwer zugängliche Dörfer. Wir fahren zu einer dieser Outstations, nach Kiding. Hier fragt man nicht „wie viele Kilometer“, sondern „wie lange mag es dauern“. Wir brauchen knapp drei Stunden. Etwa 100 Menschen erwarten uns, 40 Familien leben hier. Johannes und ich erhalten typische Nyishi-Westen, so heißt der Stamm (Volksgruppe) hier. Vor der Messe hören die beiden Priester vor dem Kircheingang die Beichte ab und alle Bewohner kommen. Die anderen beten in der Zwischenzeit den Rosenkranz. Anschließend feiern wir Gottesdienst mit vielen Liedern und einer lebendigen Predigt.

Gollo Yakkum ist Mutter von vier Kindern und begrüßt uns im Namen der Gemeinde. Gollo ist hier Katechetin. Das Dorf hat sie gewählt. Ihr vertraut man. Sie leitet Beerdigungsfeiern, Wortgottesdienste und macht Hausbesuche. missio fördert die Aus- und Fortbildung von Laienkatecheten, Menschen wie Gollo.

Die Häuser vor Ort sind ganz aus Bambus gebaut und zum Teil an den Berghang, mitten in den Dschungel. Auch das ein Abenteuer.

Bewegt von der Gastfreundschaft und einer tiefen Freude am Glauben sagen wir „Payalincho“ – Danke.

Hans-Georg Hollenhorst berichtet tief beeindruckt:

Die Anreise von Itanagar bis Palin braucht den ganzen Tag (174 km in die Berge; 7 Stunden reine Fahrzeit).

Dort angekommen führt uns das Salesianerteam etwas in die Situation vor Ort ein. Wir erfahren, dass die Gemeinschaftssprache Hindi ist, untereinander aber eine eigene, ursprüngliche Sprache gesprochen wird. Beide Sprachen klingen für unsere europäischen Ohren außergewöhnlich, aber spannend und schön. „Albuaru“ heißt zum Beispiel „Guten Morgen“, „albe hato“ bedeutet „Guten Abend“ und „Payalincho“ heißt „Danke“.

In der Region gibt es nur wenige Hindus. Das ist außergewöhnlich für Indien. Die meisten Menschen gehören der katholischen Kirche an, aber es gibt auch Baptisten und Protestanten.

Von April bis September, und auch sonst, gibt es immer wieder Regen. Im Juni und Juli regnet es fast durchgängig. Dann ist die Region schwer zugänglich, weil aus den Bergen Wasser und Erde gespült wird und Wege nicht befahrbar sind.

Nationaltier des Bundesstaats Arunchal Pradesh ist der Mithum, eine Art Büffel. Die Tiere sind sehr friedlich und wertvoll. Einer ist etwa 50.000 Rupien wert – das sind rund 700 Euro.

„Holy Rosary Church“ erste Pfarrei der Region

Die Pfarrei „Holy Rosary Church“ in Palin war die erste Pfarrei in dieser Region und die zweite in der Diözese mit ehemals 159 Bergdörfern, die meistens nur über lange Fußwege erreichbar sind. Die Fläche war so groß wie 1/2 Deutschland. Inzwischen gibt es 5 Pfarreien, die jetzige in Palin noch immer mit 29 Bergdörfern. Eine weitere Teilung ist geplant.

Zum Team der Salesianerpatres vor Ort gehören Pfr. Manuel, Fr. John, Fr. Paulus und Br. Joseph. Es gibt auch zwei Schwesterngemeinschaften; neben den Mutter-Theresa-Schwestern auch Franziskanerinnen.

Wir erfahren nicht nur Dinge über die pastorale Arbeit vor Ort sondern auch ganz alltägliche Dinge, wie Preise auf dem Markt oder Lohnkosten: So kostet ein Hühnchen drei Euro, ebenso ein großer Fisch. Eine Tasse Tee ist für 30 Cent zu haben.

Ein Tag Arbeit, zum Beispiel bei einem Hausbau, kostet vier Euro. Ein Lehrer an einer Katholischen Schule verdient 100 Euro und wohnt frei. Mietwohnungen gibt es indes nur in der Stadt, auf dem Dorf baut jeder irgendwie selbst.

Reflexion: Besuch anrührend und herausfordernd

Die Zeit in den Bergpfarreien hat alle Mitglieder der Reisegruppe nachhaltig beeindruckt.

Thomas Kamp-Deister sagt:

    „Die charismatische Ausstrahlung von Pfarrer Manuel hat mich sehr beeindruckt. Ebenso die Schülerinnen vor Ort. Sie haben unendlich viel Power. Das zeigt die Stärke dieser jungen Kirche. Wir haben in unserer Zeit in Nordost-Indien sehr offene und gastfreundliche Häuser und Menschen überall getroffen. Nahezu überall gibt es Gästezimmer für Durchreisende. Und trotzdem hält die Konsumgesellschaft Einzug; Welten prallen aufeinander.“

Christa Kortwinkel berichtet:

    „Die Freundlichkeit und Euphorie der Kinder und Patres ist mitreißend, man lässt sich schnell anstecken. Auf den ersten Blick ist das Leben in den Bergpfarreien, in denen die Abgeschiedenheit förmlich greifbar ist, schon sehr ärmlich. Ich bin ganz ehrlich wenn ich sage, dass es schon Ängste bei uns allen gab, ob wir wohl im Zeitplan zurückkommen angesichts der seifigen, matschigen Straßen.“

Hans-Georg Hollenhorst reflektiert:

    „Wir sind Menschen begegnet, die vor Lebensfreude sprühen. Dadurch, dass eine Priorität auf der Bildung für die Kinder liegt, wird eine Zukunft der Gesellschaft vor Ort gesichert. Wir erleben eine sehr offene, junge Kirche. Die katholischen Schulen sind immer Internate, Mädchen und Jungen besuchen sie getrennt. Eine besondere Herausforderung sind die Infrastruktur – insbesondere die Straßen – und die Kommunikation: Es gibt in Palin erst seit zwei Jahren Strom, ab und zu einen sehr langsamen Internetzugang. Mir stellt sich die Frage, wie sich das Leben hier wohl weiterentwickeln wird?“

Station im Dorf Yangte

Nach drei Stunden Fahrt ist die Gruppe von Hans-Georg Hollenhorst, Christa Kortwinkel und Thomas Kamp-Deister im Dorf Yangte angekommen.

Zuvor hatte Pfarrer Manuel in Palin eine kure Info gegeben über diesen abgelegen Ort: In Dörfern wie Yangte, die meist nur zu Fuß erreichbar sind, leben 10 bis 20 Familien. Deren Leben ist einfach und besteht aus aufwachen, Feldarbeit, kochen und schlafen. Bis vor Kurzem gab es weder Fernsehen noch Handys. Einzige Abwechselung ist Alkohol – das ist fatal, zerstört er doch viele Familien.

Viele der Dorfbewohner haben noch nie die kleine Stadt Palin gesehen, oder einen Bus oder einen Zug. – Alkohol als einzige Abwechslung; zerstört Familien …

Wie versuchen die Patres die Menschen in den Dörfern zu erreichen?

Die Patres touren manchmal mit dem Auto, oft und in der Regel aber zu Fuß durch die Dörfer, reden, diskutieren, beten mit den Menschen vor Ort, übernachten bei Ihnen. Eine Tour dauert zehn Tage, es gibt eine Checkliste, was mitzunehmen ist.

In jedem Dorf gibt es ein Katechetenteam; einen Mann und eine Frau, die Sonntags einen kleinen Gottesdienst leiten, da in der Regel keiner der Patres vor Ort sein kann. Ein Mal im Jahr sind alle Katechet/-innen für drei Tage in Pfarreizentrum: Austausch, Geistliche Zeit, biblische Filme anschauen, um eine Idee von biblische Geschichten zu bekommen – es ist ja die „erste“ Christengeneration, die hier aufwächst!

Auch mit Problematiken beschäftigt sich die Kirche dort vor Ort: So werden Gruppen von 20 bis 25 Leuten in ein Exerzitienhaus eingeladen, um zum Beispiel den Umgang mit Alkohol zu reflektieren. Die Arbeit zeigt Wirkung: Viele hören nach der Zeit dort mit der Trinkerei auf.

Mit den Kindern werden immer wieder Ausflüge gemacht: So lernen sie die Welt „da draußen“ kennen. Delhi und Kalkutta sind zum Beispiel regelmäßige Ziele.

Autopanne souverän gemeistert

Ganz glatt ging die Fahrt in das kleine Dorf natürlich nicht: Bei dem Auto riss die Hinterachse aus der Federung. Alles kein Problem, sofort wurde das Auto aufgebockt und die kaputte Federung mit Reifenschlauchstreifen repariert.

In Yangte angekommen gib es einen Wahnsinnsempfang: Die Gäste aus Deutschland werden mit Blumenkränzen, Schals und handgefertigtem Schmuck begrüßt. Es gibt Tanzdarbietungen, ein Familiengebet im Haus eines Katecheten und ein gemeinsames Essen an der Feuerstelle des Hauses.

Die meisten Menschen haben gutes Auskommen

Trotzdem, dass die Region sehr ärmlich wirkt, haben die Menschen dort ein gutes Auskommen. Viele haben einen Job von der Regierung, alle kultivieren Felder in den Bergen. Der ganze Clan unterstützt die Zahlung des Schulgelds für die Kinder. Kinder sind die Zukunft – das hat man in dem kleinen Dorf am gefühlten Ende der Welt verstanden.

Hausbau dauert drei Tage

Während sich in Deutschland ein Hausbau über Monate hinzieht, geht es in Yangte schnell: Alle Materialien werden besorgt, dann werden alle Dorfbewohner zusammengerufen. Innerhalb von drei Tagen ist das Haus fertiggestellt. Jeder Dorfbewohner kennt die Hausbautechnik und hilft so gut er kann.

Das Volk der Nyishi – Mädchen werden verkauft

Im abendlichen Gespräch mit den Patres lernen die Besucher aus Deutschland etwas darüber, was die Kultur der Nyshi ausmacht.

Neben vielen faszinierenden Aspekten kommt auch ein sehr aufwühlendes Thema zur Sprache: Der Verkauf von Mädchen. So können Väter jederzeit Mädchen abgeben beziehungsweise verkaufen. Die Mädchen haben kaum eine Chance ihren Mann selbst zu wählen. Junge Mädchen werden vor allem von älteren Männern gekauft.

Manchmal ergeben sich Beziehungen Jugendlicher untereinander. Sie leben dann sehr früh zusammen und bekommen schon im sehr jungen Alter Kinder. Die meisten jungen Eltern sind nicht älter als 16 Jahre. Manchmal verhandeln die Väter der Mädchen Jahre später über den Kaufpreis ihrer Tochter. Ein Ausgleich muss dann stattfinden. Das wirkt auf die Reisegruppe mehr als befremdlich.

Eine bisher seltene Ausnahme ist, dass Mädchen weiter in Schule gehen, studieren, selbst Geld verdienen und sich dann frei kaufen können.