Über Meerschweinchen, einen dummen Amerikaner, eine Stunde am Meer und die Mediation von Konflikten

Moralisches Dilemma des Tages

Morgens ist touristisches Programmp1050937-klein angesagt. Um einheimische Tiere zu sehen, geht es ins „lebendige Museum“. Bei unserer Ankunft stellt sich heraus, dass es sich um nichts anderes als einen Zoo mit einheimischen Tierarten handelt, die in viel zu kleinen Gehegen gehalten werden. Eh wir uns versehen sind wir drin, wo wir vom Chimpansen „Kita“ über Vipern, Kobras und der grünen Mamba – alles hiesige und tödliche Schlangenarten – bis hin zu den Krokodilen „Patrice“ und wie sie alle hießen. Die Krokodile liegen träge in ihrem Gehege. Unser Guide will wissen, ob wir eine Fütterung mit Meerschweinchen erleben wollen. Wir zögern. Interessant ja – auch nicht dumm, sich die Fütterung der Tiere durch eine Show bezahlen zu lassen. Aber ein Meerschweinchen? Wir sind unschlüssig. Einige sind dafür. Wir sagen zu. Der Guide holt einen Sack, der Inhalt scheint sich zu bewegen. Er zieht ein Meerschweinchen im Nacken heraus und wirft es ins Krokodilgehege. Schneller als wir schauen können, hat das Krokodil zugeschnappt, das Meerschweinchen zappelt nicht mehr und wird in Windeseile zerlegt. Wir haben genug gesehen. Der Guide läuft mit dem Sack zum nächsten Gehege. Wir protestieren. Eins reicht. Das scheint er nicht zu begreifen. Er wirft auch ins zweite Gehege ein Meerschweinchen, aber das Krokodil scheint nicht hungrig zu sein. Das Meerschweinchen kann sich verstecken. Beim dritten Gehege protestieren wir erfolgreich.

Dieses Erlebnis war unangenehm. Beeindruckend war die Geschwindigkeit des Krokodilangriffs auf das Meerschweinchen. Alles andere hat Fragen aufgeworfen: Was hat uns zu dieser Fütterung verleitet? War das unmenschlich oder wäre das Meerschweinchen sowieso früher oder später verfüttert worden? Dürfen wir überhaupt einen solchen Zoo besuchen? Einerseits unterstützen wir (wenn auch minimal) den burundischen Tourismus, andererseits unterstützen wir damit eine unwürdige Tierhaltung… Mein persönliches Fazit: Ich würde den burundischen Tourismus gerne anders unterstützen.

Fremdschämmoment des Tages

Der Zoo barg neben den Tieren noch ein weiteres Spektakel: Einen dummen Amerikaner. Unsere Meerschweinchen-Aktion war sicherlich fragwürdig, seine Aktionen waren noch viel fragwürdiger. Das Krokodil, was sich streicheln ließ, zog er am Schwanz durchs Gehege und ließ sich dabei filmen. Ein anderes junges Krokodil, zu dem er ins Gehege gestiegen war, schien er so genervt zu haben, dass es zum Angriff überging. Danach ließ sich der Kerl eine Cola von den Guides bringen. (Zur Information: Getrunken und gegessen wird in Ruanda und Burundi kulturell bedingt nur drinnen – aus unserer Sicht auch aus Respekt gegenüber denjenigen, die sich Essen und Trinken nicht in unserem Umfang leisten können.) Als er sich schlussendlich mit der Cola vor dem Chimpansenkäfig niederließ und sich daran anlehnte, packte ihn Kita von hinten am Hals. Natürlich ist dem Amerikaner nichts passiert, aber die Tiere schienen aus unserer Sicht zu Recht gegen ihn zusammenzuhalten.

Die Pause des Tages
Von den Krokodilen ging es zur Heimat der Krokodile an den Tanganjika-See. Gefühlt war halb Bujumbura am Strand versammelt. Ob beim Beachvolleyball, beim Picknick am Strand oder planschend im Wasser – der Sonntag gilt in Bujumbura der Freizeit, insbesondere der körperlichen Betätigung. So hatten wir bereits in der Stadt Sportgruppen joggend ihre Runden drehen sehen, auch Fußball- und Basketballplätze waren gut besucht und das Beste: Jeder kann mitmachen. Getreu diesem Motto gingen auch wir im Tanganjika-See baden. Ich musste zwar erst meine Angst vor blitzartigen Krokodilangriffen überwinden, aber dann habe ich auch den Sprung ins frische Nass genossen.

Erfahrung des Tages

Nach der Mittagspause besuchen wir einenimg_1978-klein Friedensclub (Club de Paix / Peace Club). Hier treffen sich Pfadfinder und Nicht-Pfadfinder einer Gemeinde, um unter der Leitung eines Mediators, Konflikte in der Gemeinde zu schlichten. Die Mediatoren werden von dem von uns unterstützten Projekt Amahoro-Amani ausgebildet und begleitet. Etwas außerhalb von Bujumbura angekommen geht es zu Fuß hinein ins Dorf – vorbei an einer zerlegten Kuh, auf einem staubigen Pfad, umringt von einer Horde Kinder bis wir uns vor dem Haus der Konfliktparteien wiederfinden. Dort erzählen uns die beteiligten Menschen sehr persönlich von einem im Grunde typischen Konflikt für diese Gegend:

Es geht um Ländereien. Der Konflikt bestand zwischen Vater und Sohn. Traditionell wird das Land der Eltern unter den Kindern aufgeteilt. Der Sohn aber forderte eine größere als die ihm zustehende Fläche, was der Vater verweigerte. Der Konflikt spitzte sich zu, da der Sohn auf dem Feld des Vaters ohne dessen Erlaubnis erntete, woraufhin der Vater seinen Sohn anzeigte. Zu diesem Zeitpunkt erfuhr der Mediator des Peace Clubs von dem Konflikt. Er informierte seinen Club de Paix und sie ermöglichten Schritt für Schritt einen Dialog zwischen Vater und Sohn. Ihr Ziel: Die beiden sollten einander zuhören. Und so kam es. Der Sohn erklärte, er brauche die Ländereien, um seine Familie zu ernähren. Er hat im Krieg ein Bein verloren und kann sonst keiner anderen Arbeit nachgehen. Der Vater sagte, er könne ihm dennoch keinen Vorzug gegenüber den anderen Kindern geben. Im Laufe des Dialogs verurteilte das lokale Gericht den Sohn zu 50 000 Burundischen Francs, etwa 25 Euro. Der Vater kann die Notlage seines Sohnes verstehen, obwohl er an der Verteilung der Ländereien nichts ändern möchte. Dennoch zieht er die Klage zurück. Der Sohn muss nicht zahlen. Diese Geste der Versöhnung nimmt der Sohn an und beschränkt sich bei der Bebauung des Landes auf seine Ländereien. Die Friedensagenten des Peace Clubs begleiteten den Prozess die ganze Zeit, übermittelten Nachrichten und moderierten die Kommunikation. Mit Erfolg. Vor uns stehen die beiden nun nebeneinander. Erzählen uns die Geschichte ihrer zwei jährigen Auseinandersetzung. Zwischendurch nimmt der Vater liebevoll den Arm seines Sohnes.

Es ist heiß, es ist staubig, mir rinnt der Schweiß den Rücken runter. Aber wir sind vor Ort. Genau hier in den ländlichen Gemeinden setzen die Peace Clubs an, arbeiten mit kleinen Schritten daran, alltägliche Konflikte zu lösen. Ich bin beeindruckt und hoffe, dass diese kleinen Schritte immer weiter zu einer besseren Zukunft in dieser Region beitragen können.

Saskia