Fairer Kaffee vom Ende der Welt

Ein Loch im Boden

11:39 Uhr. Das rechte Vorderrad unseres Mini-Busses hängt in einem metertiefen Loch. Der Bus liegt schräg. Wir sitzen schräg. Unser Gepäck hat sich zusammen mit unseren frisch gekauften Leckereien für das Mittagessen in die rechte vordere Ecke des Busses bewegt. Eine halbe Minute vorher hat der Busfahrer unseren Bus in der ersten Kurve auf dem Busbahnhof direkt in das Loch gelenkt. Wir lachen kopfschüttelnd, dem ein oder anderen Schmerzen die Glieder und ich frage mich, ob wir – natürlich sowieso schon in Verzug – jemals pünktlich bei der Musasa-Kaffee-Kooperative ankommen werden, die wir heute besuchen wollen. In Windeseile läuft ein gutes Dutzend Ruander herbei, bestaunt und kommentiert das Drama aufgeregt und bevor wir aussteigen können haben zig Hände den Bus inklusive Passagiere und Gepäck aus dem Loch gehoben. Der Bus scheint in Ordnung zu sein, wir fahren los und im Rückspiegel sehe ich die aufgeregte Gruppe Ruander um das metertiefe Loch stehen als würden sie sich wundern, wo das plötzlich herkam.

Wo Starbucks den Kaffee herbekommt

Wölfi (das Maskottchen der Wölflinge, der jüngsten Pfadfinderstufe der DPSG) gesellt sich zu den Frauen bei der Bohnenlese.

Wölfi (das Maskottchen der Wölflinge, der jüngsten Pfadfinderstufe der DPSG) gesellt sich zu den Frauen bei der Bohnenlese.

Dreieinhalb Stunden später. Wir sind angekommen. Vorher wurde die Frage in meinem Kopf von der Frage nach der Pünktlichkeit zur Frage, ob wir überhaupt jemals ankommen würden. Nach unserer spektakulären Abfahrt in Ruhengeri ging es nach ein paar Kilometern geteerter Straße auf einer Lehmpiste ins Nirgendwo weiter. Wenn unser Fahrer nach „Musasa“ fragte, nickten die Menschen auf dem Weg unbestimmt und zeigten in unsere Fahrtrichtung. Also fuhren wir immer weiter, begleitet von einer riesigen roten Staubwolke hügelauf, hügelab, wobei man im Norden Ruandas eher von Bergen sprechen kann. Angekommen beeindruckt mich wie so häufig in Ruanda der fantastische Ausblick auf ein Meer aus rotbraun grundierten, grün gesprenkelten Hügeln. Vor dieser Kulisse trennen Frauen gute von schlechten Kaffeebohnen und ich komme mir vor wie in einer Broschüre von TransFair. Isaac, der Geschäftsführer der Kooperative, nimmt uns in Empfang und beginnt ohne Umschweife damit, uns die Funktionsweise der Kooperative zu erklären:

1118 Mitlieder hat die Kooperative. Sie wählen einen fünfköpfigen Vorstand, der sich aus drei (!) Frauen und zwei Männern zusammensetzt, außerdem haben sie 26 fest angestellte Mitarbeiter, darunter die Geschäftsführung, sowie übers Jahr verteilt 300 Saisonarbeiter. Für ruandische Verhältnisse auf dem Land kommt mir das vor wie ein Großunternehmen. Weshalb sie sich für das Fairtradesystem entschieden haben? Isaac lacht, unsere Frage scheint trivial. Ein Mindestpreis für den Kaffee sei garantiert, was sie vor den schwankenden Weltmarktpreisen von Kaffee schütze und sie könnten mit der von Fairtrade gezahlten Prämie die Kooperative weiterentwickeln und etwas für ihre Mitglieder tun. Beispielsweise hätten sie eine Kantine für die Mitarbeiter_innen gebaut, das Lager renoviert, Maschinen zur Weiterverarbeitung angeschafft und für nächstes Jahr sei die Renovierung der Straße zur Kooperative geplant, davon habe dann auch die Gemeinde etwas. Ich bin beeindruckt vom Tatendrang der Mitglieder. Seit der Gründung 2005 hätten sie ihre Handelsbeziehungen systematisch ausgeweitet. Mittlerweile gebe es Partner in den USA, Australien, Europa und Südafrika, einer der bekanntesten Abnehmer der vergangenen Jahre sei vermutlich Starbucks.

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Die Kooperative legt größten Wert auf Qualität und Sorgfalt. Auffällig sind die Sauberkeit und der gepflegte Zustand der Maschinen. Sonst habe ich bisher häufig verrostete Maschinen, vertrocknete Brunnen, nicht mehr funktionierende Solaranlagen und ähnlich gescheiterte Projekte angesehen. Anders hier. Isaac erklärt uns wie aus den rohen Kirschen in mehreren Schritten die Bohnen mit der besten Qualität ausgewählt werden. Das was aussortiert wird, verkaufen sie auf den lokalen Märkten, alles andere geht zu ca. 80% an Handelspartner aus dem Fairen Handel. Weitere 20% werden noch an konventionelle Abnehmer verkauft, aber nur so lange bis sie auch dafür faire Handelspartner gefunden haben, denn der Faire Handel sei das Beste, lacht Isaac.

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In diesem Punkt kann ich mich Isaac nach diesem Besuch beherzt anschließen. Ich kenne den Fairen Handel schon lange, kaufe gerne und im Bereich des Möglichen faire Produkte, aber vor Ort zu sehen, was mein Konsum – zusammen mit dem Konsum vieler anderen Fairtrade-Konsumenten – bewirkt, stärkt mich. Es stärkt mich darin weiter tatkräftig und begeistert an der Idee des Fairen Handels mitzuwirken, als Konsumentin und als Multiplikatorin. Also liebe Leserinnen und Leser – trinkt fairen Kaffee, esst  faire Schokolade – es ist so einfach, achtet beim Einkaufen einfach auf das Siegel!

Der Bus und Staub und Brückenimg_1589-klein-e1374701155517

19.28 Uhr: Ankunft in Kigali. Wir sind müde und erschöpft. Die klapprigen Holzbrücken wurden auch auf dem Rückweg nicht stabiler. Sie bestehen aus Baumstämmen, die quer über Bachläufe und Täler gelegt werden und über die unser Busfahrer mutig drüberlenkte. Nach der Erfahrung mit dem Loch am Anfang des Tages klammerten wir uns bei jeder Brücke fest. Im Gegensatz zu unserem Ausflug an den Kivusee und damit an die Grenze zum Ostkongo gestern Abend, kam mir die Fahrt heute wesentlich bedrohlicher vor. Dementsprechend sind wir am Ende des Tages sowohl bereichert, als auch durchgeschüttelt, erleichtert und von einer rotbraunen Staubschicht bedeckt – genau wie unser Gepäck.

Saskia